"Kleine Zeitung" Kommentar: "Das Meer und der Gipfel" (Von Thomas Götz)

Ausgabe vom 06.03.2011

Graz (OTS/Vorausmeldung) - Europäer sind Routiniers der
Revolution. Die Franzosen gaben das Maß vor, viele Völker folgten ihnen, manchmal blutig, seltener friedfertig. Unsere Generation verdankt Osteuropa unvergessliche Erinnerungen an einen großen, gewaltfreien Neubeginn - erhebende, große Gefühle samt Katzenjammer danach.

In Nordafrika sind die Tage des Jubels gezählt. Das angeschlagene Regime Gaddafis schlägt in Libyien zurück, Ströme von Flüchtlingen fließen in die Nachbarstaaten oder versuchen, Europa zu erreichen. Nächste Woche wird die EU dem Thema einen Gipfel widmen, oder zumindest einen halben. Die andere Hälfte dient der Rettung unserer Währung.

Geteilte Aufmerksamkeit also für ein Thema, das uns die nächsten Jahre und Jahrzehnte beschäftigen wird? Erinnern wir uns an die samtenen Revolutionen in unseren Nachbarländern, an den Jubel und an die Katerstimmung danach. 1989 hat das träge Europa neu durchgemischt, durchlüftet, befreit, verunsichert. Die baldige Öffnung der Grenzen für Arbeitskräfte aus den neuen Partnerländern löst noch 22 Jahre danach massive Ängste aus.

Die Menschen jenseits des schmalen Meeres waren uns bisher herzlich egal. Ihre Länder schienen weit weg. Sie taugten zum Öleinkauf, zum Schnorcheln und Golfen oder auch als Schutzwall gegen Zuwanderung aus Afrika. Dafür schenkten wir ihnen auch gerne moderne Patrouillenboote, damit wir die Sache nicht selbst machen mussten.

Mit dem Sturz der Diktatoren brechen diese künstlichen Wälle ein. Die Mittelmeerunion, bisher ein hohles Steckenpferd des französischen Präsidenten, wird rascher Wirklichkeit sein, als es uns recht ist. Schon bald wird sich zeigen, dass das schmale Gewässer unsere Länder nicht mehr trennt. Ägypten, Libyen und Tunesien sind echte Nachbarn. Je früher wir uns das klarmachen, desto kleiner wird die Enttäuschung. Der EU wird bei der Ernüchterung die zentrale Rolle zukommen. Ohne die Solidargemeinschaft wäre es leicht, den Kopf in den Sand zu stecken - sollen die Italiener, mögen die Spanier sich mit den Leuten herumschlagen. Dank der EU geht das nicht. Mit Recht verlangen die Mittelmeeranrainer unsere Solidarität ein.

Die ersten Reaktionen waren nicht ermutigend. In der Flüchtlingsfrage stand Italien lange allein da und die konkrete Hilfe läuft langsam an. Wirtschaftsminister Mitterlehner brachte immerhin die Idee eines Marschallplans ins Spiel, die zu verfolgen sich lohnte.

Der Libyen-Gipfel nächste Woche wird also wichtig sein - ob die Teilnehmer das erkennen oder nicht. ****

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