"Die Presse am Sonntag" - Leitartikel: Die Gnade der Unzuständigkeit, von Ulrike Weiser

Ausgabe vom 06.03.2011

Wien (OTS) - Nicht nur viele Männer, auch viele Frauen haben die Debatten rund um den Frauentag satt. Denn oft wird nicht über Frauen geredet, sondern über Dinge, die auch Männer angehen - das Leben eben.

Heuer fällt der Frauentag also auf den Faschingsdienstag. Ausgerechnet im Jubiläumsjahr, könnte man jammern. Aber in Wahrheit passt es zum zarten Unbehagen, das Frauen häufig mit dem Frauentag verbinden: So wie im Fasching einst die Narren an die Macht, die Unteren mit den Oberen tauschen durften, dürfen die Frauen am Frauentag kurz so tun, als ob. Als ob sie das Sagen hätten.
Und gesagt wird derzeit viel. Man hat fast den Eindruck, die ganze Welt täte nichts lieber, als Frauen zu fördern. Sogar in Österreich. Die Frauenquote für den Aufsichtsrat wird zwar wohl bloß sehr abgeschwächt kommen, die neue Einkommenstransparenz ist eher lasch, und beides haben wir nur der EU zu verdanken. Aber für hiesige Verhältnisse reicht das, damit man sich die Augen reibt und versichern muss, dass noch alles da ist: Einkommensschere, gläserne Decke und natürlich auch der diffuse Grant auf Frauen. Parallel zur Mainstream-Debatte schwillt nämlich ein zorniges Rauschen an, ein Ärger, der oft vergisst, dass ständig über etwas zu reden noch lange nicht bedeutet, dass es auch getan wird - eher im Gegenteil. Dieser diffuse Grant verdichtet sich in schrillen Postings zur Obsorge-Diskussion, glitzert in ironischen Kommentaren in Büros, er wird ebenso in der Klage "Und was ist mit den Buben?" laut wie im Stoßseufzer der Erleichterung, wenn Ex-"taz"-Chefredakteurin Bascha Mika schreibt, dass die Frauen - no na - auch selbst schuld sind. Will man das Rauschen, das überhaupt nicht rein männlich ist, auf einen Satz reduzieren, lautet dieser: Es reicht.
Das tut es tatsächlich. Auch einige Frauen haben sogenannte Frauen-Debatten satt. Dabei geht es nämlich häufig gar nicht um Frauen, sondern um Bereiche, die ihnen einfach zugerechnet werden:
wie etwa Kinderbetreuung, Haushalt, Pflege. Weil viele Männer die Gnade der Unzuständigkeit besitzen (und viele Frauen den Zwang zur Zuständigkeit), wird die Vereinbarkeit von Beruf und dem Rest des Lebens zur Frauensache gemacht. Was so unfair wie schade ist. Erstens, weil in der Einseitigkeit Abwertung steckt: Lebensbereiche, die nicht in die ökonomische Taktung passen, werden automatisch zum Nachteil gestempelt. Wäre das nicht so, würde man nicht zurückstecken müssen, sondern würde eventuell gar darum streiten, wer beim Kind bleiben darf - zumindest für einige Zeit. Zweitens hätten wir viel schneller viel bessere Kinderbetreuung, wäre Vereinbarkeit auch Männersache. Und es gäbe kreativere Lösungen: Eine geänderte Arbeitskultur, so manche Experten, könnte die "Erwerbsbiografie entzerren". Da wir künftig ohnehin länger arbeiten, könnte man, statt Kinder und Karriere in denselben Zeitrahmen zu pressen, Auszeiten nehmen und später wieder voll einsteigen. Und drittens? Nimmt die Einseitigkeit der Verantwortung Männern die Wahlfreiheit zwischen verschiedenen Lebensmodellen, die für Frauen (ungeachtet der Tatsache, dass viele aus finanziellen Gründen nicht wählen können) gern betont wird. Es sei denn natürlich, die Männer wollen diese Wahl gar nicht haben. Dann wäre es aber an der Zeit, das deutlich zu sagen.

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