"Unisex-Richtlinie": Versicherungswirtschaft fordert Risikogerechtigkeit

Wien (OTS) - Nach einem Urteil des Europäischen Gerichtshofes bleibt die "Unisex-Richtlinie" weiterhin in Diskussion: Die Idee, unterschiedliche Versicherungsprämien für Frauen und Männer zu untersagen, gefährde Grundlagen des Versicherungsgeschäfts ist man im VVO überzeugt.

"Es geht nicht um die Gleichbehandlung von Mann und Frau, es geht um Risikogerechtigkeit und damit um die Aufrechterhaltung des Systems", kommentierte Manfred Baumgartl, langjähriger Vorsitzender der Sektion Lebensversicherung im Versicherungsverband.

Geschlechtsspezifische Differenzierung erlaubt

Eine EU-Antidiskriminierungsrichtlinie aus dem Jahr 2004 erlaubt die Differenzierung von Prämien und Leistungen nach versicherungsmathematischen Faktoren, wenn eindeutige statistische Erhebungen zeigen, dass Frauen und Männer sich in bestimmten Bereichen unterschiedlich verhalten, folglich andere Risken auslösen und somit verschiedene Prämien bedingen. Die Daten müssen regelmäßig aktualisiert werden, um Änderungen zu berücksichtigen. In diesem Sinne wurde diese Richtlinie in Österreich umgesetzt, und im Versicherungsvertrags- bzw. Versicherungsaufsichtsgesetz implementiert. "Wer sachgerecht, transparent und objektiv differenziert, trägt dem Versicherungsprinzip und damit auch der Risikogemeinschaft Rechnung", erklärt Baumgartl.

Verfehlte Gleichmacherei

Anders sieht dies EuGH-Generalanwältin Dr. Juliane Kokott: In ihrem im letzten September veröffentlichten Schlussantrag argumentiert Kokott, dass die in der EURichtlinie ermöglichte Differenzierung den Gleichheitsgrundsatz im EU-Vertrag verletze. Kokott fordert sinngemäß, unterschiedliche Versicherungsprämien für Frauen und Männer zu untersagen. In ihrer Argumentation führt sie aus, dass statistisch nachweisbare Divergenzen beim Lebensalter und dem "Schadensprofil" weniger auf den "kleinen Unterschied", sondern vielmehr auf kulturelle, wirtschaftliche oder soziale Gegebenheiten wie die Berufstätigkeit, die Ernährung oder das Umfeld zurückzuführen seien. Lediglich statistisch zu Tage tretende
Versicherungsrisiken könnten keine Unterschiede bei Leistungen und Prämien rechtfertigen. Es wäre richtig, dass der gesellschaftliche Wandel und der Bedeutungsverlust traditioneller Rollenbilder geschlechtliche Zuschreibungen obsolet werden lassen.

Es lebe der "kleine Unterschied"

Aus der Sicht einer logischen Betrachtung sei diese Argumentation nicht nachvollziehbar, erklärt Baumgartl: "Ohne Zweifel hat sich das tradierte Rollenverhalten bereits geändert und wird sich in Zukunft noch weiter verändern. Die Statistiken, welche zur Tarifkalkulation herangezogen werden, beruhen nicht auf historischen Daten; diese müssen laufend aktualisiert und in bestimmten, kurzen Abständen evaluiert werden." Wirft man einen Blick auf die statistischen Daten, so zeigen sich klare Unterschiede: Frauen haben eine um rund 7 Jahre höhere Lebenserwartung als Männer, weniger Unfälle und nehmen Leistungen in der Krankenversicherung stärker in Anspruch als Männer. Männer leben gefährlicher als Frauen, haben eine höhere Unfallwahrscheinlichkeit, auch mit dem Kfz. Folgerichtig sind die Prämien für Frauen in der Lebens- und Krankenversicherung tendenziell höher als jene der Männer, während Männer in der Unfall- und Kfz-Versicherung höhere Prämien bezahlen.

Gerechter Risikoausgleich gefährdet

Würde die Rechtslage im Sinne der Argumentation Kokotts geändert, dürfte im Extremfall der Risikofaktor "Geschlecht" nicht mehr berücksichtigt werden. Bei den Kunden käme es zu einer drastischen Nachfrageverschiebung - derzeitige "schlechte Risken" würden sich verbilligen, "gute Risken" verteuern. Damit wäre eine Umverteilung die Folge, welche die Risikogemeinschaft aus dem Gleichgewicht brächte. Um Kunden auch künftig individuelle Lösungen anbieten zu können, sei es notwendig, gleiches Risiko gleich zu behandeln. "Äpfel bleiben Äpfel: Versicherung funktioniert nur nach mathematischen Prinzipien, nicht nach ideologischen", so Baumgartl abschließend.

Jetzt ist die EU-Kommission am Zug

Unabhängig vom Urteil des EuGH ist in der EU-Antidiskriminierungs-Richtlinie eine routinemäßige Überprüfung vorgesehen. Das Ergebnis dieser Überprüfung wird in Form eines Berichts der EU-Kommission bereits in den kommenden Wochen erwartet. Dieser Bericht kann Änderungen in der Richtlinie vorschlagen, die wiederum Auswirkungen auf die Gesetzgebung in den Mitgliedstaaten haben können. Im Vorfeld des EuGH-Verfahrens betonte die EU-Kommission ausdrücklich die Bedeutung der versicherungsrelevanten Regelung in der Richtlinie.

Rückfragen & Kontakt:

VVO Versicherungsverband Österreich
Mag. Dagmar HAUSER
T.: 01/711 56/289
F.: 01/711 56/280
E.: dagmar.hauser@vvo.at
www.vvo.at

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | VVO0001