"Die Presse"-Leitartikel: Der Selbstbetrug der Witzfiguren, von Gerhard Hofer

Ausgabe vom 28.02.2011

Wien (OTS/Die Presse) - Die Welt will betrogen werden. Walter
Mayer, Lance Armstrong, Karl Theodor zu Guttenberg, Karl-Heinz Grasser. Das pervertierte Erfolgsstreben hat viele Namen.

Die Blutbeutel dieser Welt haben verschiedene Formen angenommen. Im Sport sind sie noch aus Plastik und beinhalten tatsächlich Blut, meist angereichert mit irgendwelchen verbotenen Mitteln. Walter Mayer, der frühere Nordische Direktor des Österreichischen Skiverbands, hat seinen Sportlern Blut abgezapft, um dieses dann "homöopathisch" zu behandeln. In einigen Wochen wird er sich in Wien deshalb vor Gericht verantworten müssen. Freilich, das mit der "Homöopathie" nimmt ihm die Staatsanwaltschaft nicht ab.

Andere schon. Selbst ehemalige Schützlinge, Langläufer, die längst wegen Dopings gesperrt worden sind, beteuern nach wie vor, nie etwas Verbotenes getan zu haben. Denn noch schlimmer als der Betrug wiegt der Selbstbetrug. Der wirkt noch nach, wenn der Betrug schon längst enttarnt und geahndet ist.

Dieses Phänomen, zu leugnen, wenn es eigentlich nichts mehr zu leugnen gibt, ist nicht nur den angeblich so einfältigen Sportlern vorbehalten. Auch ein deutscher Verteidigungsminister hat noch dementiert und beteuert, als seine Doktorarbeit längst zweifelsfrei als Fälschung enttarnt war. Er erinnerte verblüffend an den früheren deutschen Beinahe-Fußballteamchef Christoph Daum. Als diesem Kokainkonsum vorgeworfen wurde, ließ er sich eine Haarprobe nehmen, die dann natürlich prompt seine Drogensucht zweifelsfrei bestätigte.

Aber zurück zur Erfolgssucht. Karl Theodor zu Guttenberg als Einfaltspinsel hinzustellen, geht natürlich gar nicht. Auch wenn sich der verlorene Doktor in seiner Argumentation von den überführten Ex-Trainern und Ex-Sportlern kaum unterscheidet. Was sie alle verbindet, ist der Selbstbetrug. Und ein pervertiertes Gewinnstreben.

Und was sie darüber hinaus verbindet: Ihre Verfehlungen werden zwar vordergründig gescholten, aber insgeheim findet man diese Typen tough, kaltschnäuzig und mutig. Zu Guttenberg darf sich zwar nur noch Ex-Doktor nennen lassen, aber das Ex vor dem Verteidigungsminister ist ihm bis auf Weiteres erspart geblieben. Auch im Sport wird nur geext, was absolut notwendig ist.

Als Walter Mayer für die Olympischen Spiele in Turin wegen seiner dubiosen Blutbeutelgeschichten gesperrt war, durfte er trotzdem munter im Österreich-Haus feiern. Wurde von den Funktionären, Journalisten und Sponsoren hofiert. Solange zumindest, bis die italienischen Carabinieri im Privatquartier der österreichischen Biathleten und Langläufer ihre spektakuläre Razzia abhielten.

Und selbst als die Blutbeutel durch die Fenster flogen, ging ÖSV-Präsident Peter Schröcksnadel mit dem Satz: "Austria ist too small to make good doping" in die Sportgeschichte ein. Erst als der Langlauftrainer Walter Mayer völlig aus der Spur lief, ließ ihn das Sport-Establishment fallen.

Die Blutbeutel der Wirtschaft und Politik liegen nicht in einer Wiener Blutbank, sondern auf Liechtensteiner Nummernkonten. Und natürlich gilt auch hier die Unschuldsvermutung. Sprich: alles nur Homöopathie. Nur versteuern sollte man diese dank Homöopathie erzielten Gewinne. Vor allem, wenn man Finanzminister ist. Karl-Heinz Grasser heißt der mutmaßliche Dopingtrainer der österreichischen Politik. Statt Anabolika setzte er auf Vitamin B. Ein lang bewährtes Dopingmittel im "small country". B wie Beziehungen. B wie Hubert Gorbach. "Beziehungen schaden nur demjenigen, der keine hat", sagte der frühere Vizekanzler einst. Sein Kollege Karl-Heinz Grasser hat dieses Beziehungsdoping zur Perfektion getrieben.

Regel Nummer eins lautet im Sport, in der Politik, in allen Gesellschaftsbereichen gleich: Verloren hat, wer sich erwischen lässt. Die schlimmste Strafe für all diese selbstverliebten, selbstüberschätzten Selbstbetrüger ist der öffentliche Spott.

Denn letztendlich bleibt vom einstigen Ruhm der Mayers, Grassers und zu Guttenbergs nichts übrig als ein paar bemitleidenswerte Witzfiguren.

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