Tiroler Tageszeitung, Leitartikel, Ausgabe vom 26. Februar 2011. Von ALOIS VAHRNER. "Gaddafi und die Achse der Scheinheiligen".

Ausmaß und Folgen des Flächenbrands im arabischen Raum sind unabsehbar. Den Westen holen Sünden der Vergangenheit ein.

Innsbruck (OTS) - Manchmal genügt ein einziger Funke, gerade in einem politischen Pulverfass, um eine gewaltige Explosion auszulösen. Gezündet wurde der Funke für die arabische Revolution in Tunesien. Machthaber Ben Ali wurde vom Volksaufstand aus dem Amt gejagt. Nach gigantischen Demonstrationen musste auch Ägyptens Langzeit-Präsident Mubarak dem Druck weichen. Trotz seiner Gewaltexzesse steht auch Libyens Diktator Gaddafi unmittelbar vor seinem Ende. Anzunehmen ist, dass bald weitere Regime wie Dominosteine fallen.
Die alten, verhassten Machthaber müssen dem Druck der Straße weichen. Völlig unklar ist, wie sich bereits in Tunesien und Ägypten zeigt, wer das durch den Aufruhr entstandene Machtvakuum ausfüllen wird. Ob es in der Region einen Schub in Richtung Demokratie geben wird, wie das der Westen hofft, darf bezweifelt werden. Wahrscheinlicher sind neue Regime, womöglich unter Federführung des Militärs, oder in manchen Ländern auch ein Ruck in Richtung islamischer Fundamentalismus.
Sowohl die USA (hatten vor Jahren Sanktionen gegen Libyen aufgehoben) als auch die EU wurden von den Umwälzungen total auf dem falschen Fuß erwischt. Und reagieren jetzt vielfach ratlos, hilflos oder zumindest unglaubwürdig. Jahrzehntelang (siehe Libyen) mit Gaddafi Öldeals abzuschließen und jetzt plötzlich seine Konten einfrieren zu wollen, ist mehr als nur scheinheilig. Österreich (früher Kreisky, dann Haider) ist diesbezüglich besonders belastet.
Aber nicht nur politisch, auch wirtschaftlich birgt die arabische Revolution großes Risiko: Die Hälfte des weltweiten Öls stammt aus der Region. Gerät auch die Lage in Ländern wie Saudi-Arabien außer Kontrolle, dann drohen nicht nur neue Ölpreisschocks, sondern sogar eine neue weltweite Rezession.

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