"KURIER"-Kommentar von Helmut Brandstätter: "Das Bundesheer und die Mittelmeerkrise"

Wir brauchen eine professionelle Armee, mit oder ohne Wehrpflicht.

Wien (OTS) - Rund 800 Grundwehrdiener der 3.
Panzergrenadierbrigade übernachten zurzeit in einem Zeltlager auf dem Truppenübungsplatz Allentsteig." Das entnehmen wir der Website des Österreichischen Bundesheeres. Und wir erfahren, dass auf das Wohl der Wehrmänner nicht vergessen wird. "Bei minus 10 Grad Celsius wird auf dem Boden eine dicke Strohschicht als Isolation aufgebracht."
Das Bundesheer demonstriert also Normalität, die Regierung Hilflosigkeit. Mitten in der Krise am Mittelmeer wird nach einer neuen Sicherheitsstrategie gesucht.
Über die Zukunft des Bundesheeres wollen jedenfalls die Österreicher selbst entscheiden, das ergibt eine repräsentative OGM-Umfrage im Auftrag des KURIER. Gut. Jetzt muss die Bevölkerung endlich die Wahrheit darüber erfahren, was die Armee können muss und wozu sich die Regierung bereits verpflichtet hat.
Rund 180 Soldaten, darunter zwei Frauen, wurden bereits ausgebildet, um bei Kampfeinsätzen der "EU Battlegroup" mitzumachen. Niederländer, Finnen, Deutsche und Litauer sind auch dabei. Österreichische Militärs haben, so hört man, einen guten Ruf im Ausland. Und: Das ist nur der Anfang für eine verstärkte Zusammenarbeit europäischer Armeen. Im Zweifel wäre für einen humanitären Einsatz der Soldaten aus dem neutralen Österreich nicht einmal ein Mandat der UNO nötig.
Auf den ersten Blick sprechen diese Auslandseinsätze für ein Berufsheer. Nur perfekt ausgebildete Soldaten mit beruflicher Perspektive können international mitmachen. Aber unser Bundesheer soll ja nicht nur im Ausland brillieren, sondern für Sicherheit bei Angriffen aller Art sorgen und bei Katastrophen aktiv werden. Hier müssen die Experten dem Wahlvolk sehr klar sagen, welche Variante wie viel kostet. Der deutsche Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg hat im Moment ein mehrfaches Glaubwürdigkeitsproblem. Seinen erschlichenen Doktortitel hat er inzwischen verloren, jetzt ist er auf der Suche nach vielen Milliarden Euro. Denn seiner Ankündigung, durch das Aussetzen der Wehrpflicht Geld einzusparen, kann er nun doch nicht nachkommen. Abgesehen davon findet die deutsche Bundeswehr noch zu wenig Freiwillige. Auf beide Fragen, die Kosten und die Suche nach Soldaten, wird Norbert Darabos noch Antworten geben müssen. Ist uns die Abschaffung der Wehrpflicht noch lieb, wenn sie uns teuer kommt?
Das Volk will also die wesentliche Frage, wie unsere Sicherheit am besten zu schützen ist, selbst entscheiden. Die Regierung könnte jetzt gemeinsam eine Informationsoffensive vorbereiten und dabei Emotionen herausnehmen. Das gilt auch für die Neutralität. Wie die aktuelle KURIER-Umfrage bestätigt, hängen die Österreicher an ihr. Umso mehr muss die politische Führung zu den Verträgen stehen, die die Republik Österreich unterzeichnet hat. Gerade die Krise am Mittelmeer beweist: Wir brauchen europäische Solidarität. Solange wir dazu bereit sind, nennen wir uns halt neutral.

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