Getreide: Terminmärkte nervös - Physische Ware bleibt gefragt

Österreichischer Kassamarkt floh ins sichere Leo - "machen nicht jeden Blödsinn mit"

Wien (OTS/aiz.info) - Das Chaos in Libyen ließ die internationalen Rohstoffmärkte verrückt spielen. Der Rohölpreis schoss durch die Decke und Silber boomt als neuer "sicherer Hafen" für Anleger. Die Terminmärkte für Agrarrohstoffe waren dagegen die Verlierer, obwohl sich an den fundamentalen Marktdaten praktisch nichts geändert hat, der Handel bisher kaum gestört wurde und bei knapper Versorgung die Nachfrage nach Weizen, Mais und Ölsaaten am Weltmarkt unvermindert anhält. Analysten rechnen daher mit einer kurzen Korrekturphase und einer baldigen Erholung. Österreichs Kassamarkt floh vor den wilden Bocksprüngen ins sichere Leo - Verkäufer wie Käufer zogen sich in gegenseitigem Einvernehmen vorerst vom Markt zurück. Heimische Experten sehen in den Preiskapriolen die wiederholten Empfehlungen an Landwirte wie an Verarbeiter bestätigt, die Preise zumindest von Teilen der neuen Ernte über Vorverträge mit Preisableitungen von Terminbörsen wie der Euronext in Paris schon vorab abzusichern.

Insbesondere über die Chicagoer Leitbörse CBOT schwappte eine Liquiditationswelle sondergleichen hinweg, es wurde massenweise Kapital abgezogen und auch Gewinn realisiert - binnen fünf Handelstagen verringerten sich die offenen Positionen beim Weizen um ein Mengenäquivalent von 6,4 Mio. t. Die Weizenkurse stürzten etwa am Dienstag ins Limit Down und sanken bis Donnerstag auf ein Neun-Wochen-Tief. Die europäische Leitbörse Euronext in Paris erlebte zwar nicht eine ebenso massive Kapitalflucht wie die CBOT, doch spielten die Kurse diese Woche ebenfalls verrückt. So erlebte der März-Weizenfutures am Mittwoch eine irrationale Volatilität mit einer Schwankungsbreite von EUR 23,50 pro t und drehte dabei kurzfristig EUR 16,50 ins Minus sowie EUR 7,- ins Plus. Der Schlusskurs vom Donnerstag bei EUR 247,- pro t hinkte da schon EUR 31,50 pro t oder 11,3% hinter dem Kontrakthoch von EUR 278,50 pro t am 09.02. nach. Am Freitag schien sich jedoch dies- und jenseits des Atlantiks die erwartete Konsolidierungsphase einzustellen, ob sie von nachhaltigem Charakter sein wird, bleibt allerdings angesichts der nahezu panischen Reaktionen diverser Fonds auf neue Weltnachrichten noch offen.

Stärker nachgegeben haben dagegen zuletzt auch die Ölsaatennotierungen und insbesondere der Sojakomplex wegen verbesserter Ernteaussichten in Südamerika. Unter Druck kamen zuletzt auch die Maisnotierungen, allerdings nicht so schlimm wie die von Weizen oder Soja, weil sich beim Mais die globale Versorgungsbilanz in noch dunklerem Rot zeigt und es gilt, insbesondere in den USA mit attraktiven Preisen den Kampf um die Anbauflächen im Frühjahr 2011 für den Mais zu entscheiden. Laut dem Washingtoner Agrarressort USDA sollen die US-Farmer die Getreideanbauflächen zur Ernte 2011 um 4 Mio. ha auf 103 Mio. ha ausweiten.

IGC: Weizenmarkt 2011/12 ausgeglichen - Maismarkt neuerlich unterversorgt

Der Internationale Getreiderat IGC in London veränderte in seinem am Donnerstag erschienenen Februar-Report die globale Versorgungsbilanz 2010/11 mit Defiziten beim Weizen von 13 Mio. t, beim Mais von 34 Mio. t und mit 63 Mio. t beim Getreide insgesamt kaum, sieht aber auch für die kommende Ernte 2011/12, dass die Landwirte motiviert von den hohen Preisen die Produktionsmaschinerie anwerfen werden. Demnach soll die globale Weizenfläche um 3% auf 224 Mio. ha anwachsen und mit 672 Mio. t eine um 24 Mio. t größere Weizenernte als 2010/11 und die zweitgrößte der Geschichte überhaupt ergeben. Die, so der IGC, könnte 2011/12 eine weitgehend ausgeglichene Weizenbilanz ermöglichen. Für die Aussichten bei Mais nennt der IGC keine Zahlen, sondern spricht nur von einer Rekordernte dank größerer Produktion in Gebieten wie USA oder China. Die Versorgungsbilanz des kommenden Wirtschaftsjahres soll aber selbst eine Rekordernte laut den Londoner Experten nicht ins Positive drehen können, womit 2011/12 ein weiteres Abschmelzen der bis dahin auf 119 Mio. t oder schon bedenklichen 14% des Verbrauchs geschrumpften Endlager droht.

Österreichischer Kassamarkt vor Bocksprüngen ins sichere Leo geflohen

Der österreichische Kassamarkt flüchtete sich diese Woche angesichts der wilden Bocksprünge der internationalen Terminmärkte quasi ins Leo. Es scheint das Sentiment zu herrschen, dass es ohnehin niemand eilig haben müsse, weil die Saison schon weitgehend gelaufen sei und man daher "nicht jeden Blödsinn mitmachen" wolle, so ein Händler. Denn, so zeigt sich die heimische Branche auch ziemlich einig, an den fundamentalen Marktdaten habe sich nicht so viel geändert, dass dadurch derartig massive Kurskorrekturen wie zuletzt an den großen Warenterminbörsen notwendig geworden wären. So wolle man nun beobachten, wohin die Stimmung an den Terminmärkten ausschlägt. Kräftiges Potenzial sei in beide Richtungen da - sowohl wieder nach oben als auch weiter nach unten.

Verkäufer wie Käufer zogen sich daher in gegenseitigem Einvernehmen vorerst vom Markt zurück, bis klar wird, wohin sich die globalen Weizenmärkte neu orientieren, hieß es an der Wiener Produktenbörse. Dementsprechend wurden am Mittwoch alle Weizennotierungen auf "nominell" gesetzt, ebenso wie die von Mahlroggen, Futtergerste und Futtermais.

Zudem beobachtet man wegen der fehlenden Schneedecke mit Argwohn auch die arktisch tiefen Temperaturen vom Baltikum bis ins nördliche Österreich.

Als "normales Aufflackern" angesichts des noch offenen Bedarfs und des noch nicht vermarkteten Angebots wird die Aktivität am Markt für Industriemais kommentiert. Mit EUR 221,- pro t wurde er in Wien aber doch deutlich, nämlich um EUR 12,50 pro t, niedriger notiert als zuletzt am 09.02. Gleiches gilt für die Ölsaatennotierungen.

Exportgeschäfte der EU laufen reibungslos

Länder in Nordafrika sowie im Nahen und Mittleren Osten decken sich auf dem Weltmarkt mit Weizen ein. Trotz der Aufstände in einigen Ländern gebe es bei der Abwicklung der Geschäfte bisher keine Störungen, hielt die EU-Kommission am Donnerstag im Verwaltungsausschuss in Brüssel fest. Libyen ist auch nicht der große Weizenimporteur in der arabischen Welt. Bisher wurden lediglich zwei Schiffe mit Gerste aus Frankreich von libyschen Häfen in den Libanon umgeleitet. Außerdem wecken die gefallenen Weizennotierungen wieder den Appetit der Importeure.

Ägypten habe 350.000 t Weizen gekauft, davon 60.000 t in Frankreich und die andere Menge in den USA, Kanada und in Australien. Algerien soll laut Auskunft der Kommission ein neues Geschäft über 200.000 t Weizen in der EU abgeschlossen haben. Zudem beziehe die Türkei demnächst 100.000 t Weizen aus der EU und der Irak 350.000 t Weizen aus den USA und aus Australien. In der EU wurden zwischen dem 16. und dem 22.02. Exportlizenzen für 438.000 t Weizen nachgefragt, davon 322.000 t in Frankreich, 80.000 t in den Niederlanden und 16.000 t in Litauen. Aus Deutschland wurden lediglich für 8.600 t Weizen Ausfuhrlizenzen beantragt.

Laut Händlern habe weiters Tunesien 75.000 t Weichweizen gekauft und Saudi-Arabien eine Ausschreibung für 275.000 t Brotweizen eröffnet.
(Schluss) pos/mö

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