Die Presse - Leitartikel: "Das Gedächtnis der Ölverbraucher ist (zu) kurz", von Jakob Zirm

Ausgabe vom 25.02.2011

Wien (OTS) - Der drastische Anstieg beim Ölpreis versetzt die Weltwirtschaft in Panik - wie bereits vor drei Jahren. Gelernt wurde aus der damaligen Situation nichts.

Es ist wie ein Deja-vu: Der Ölpreis durchbricht die 100-Dollar-Marke und strebt unaufhaltsam nach oben. Analysten prognostizieren bereits einen Anstieg auf 200 Dollar je Fass. Und Ökonomen sorgen sich um die globale Wirtschaft, die angesichts der drastischen Verteuerung ihres "Schmierstoffes" ins Stocken geraten könnte. Das ist zurzeit, wegen der bürgerkriegsähnlichen Zustände in Libyen, die Situation auf den globalen Ölmärkten. Und so war sie auch bereits vor ziemlich genau drei Jahren.
2008 war die unsichere Lage im Nahen Osten zwar nur einer von vielen Gründen für die damalige Ölpreisrallye, dennoch waren die Auswirkungen dieselben: Der Ölpreis wanderte im Frühjahr und Sommer jenes Jahres unaufhaltsam "Richtung Norden". Die Autofahrer stöhnten in der Folge nicht nur ob der Hitze, sondern auch wegen der laufenden Preisrekorde an den Zapfsäulen.
Nun sei die Zeit des "Umdenkens" gekommen, war der allgemeine Tenor. In den USA gingen die Verkaufszahlen von spritschluckenden SUVs und Pick-ups erstmals seit Jahren zurück. Alternative Energieformen waren in aller Munde. Zur Oscar-Verleihung fuhren die Stars und Sternchen plötzlich nicht mehr im protzigen Hummer, sondern im sparsamen Hybridauto.

Doch dann kam die Krise. Und mit ihr ein Nachfrageeinbruch, der den Ölpreis wieder auf ein Drittel zusammenschmelzen ließ. Die guten Vorsätze für mehr Energieeffizienz und den Ersatz von Ölprodukten durch erneuerbare Energieträger waren großteils vergessen. Es gab ja wesentlich wichtigere Probleme. Außerdem konnte kaum eine Alternative mit dem wieder billigen Öl mithalten. Der alte Schmierstoff der Weltwirtschaft blieb auch ihr neuer Schmierstoff.
Inzwischen hat sich die Konjunktur weitgehend erholt. Die Arbeitslosigkeit sinkt weltweit, die Konsumfreude kehrt zurück. Und den neuen Aufschwung wollen viele lieber mit Protz statt Sparsamkeit feiern. Bestes Beispiel ist der US-Automarkt: Im Jänner stiegen die Verkaufszahlen von SUVs und Pick-ups um fast 30 Prozent an. Der Zuwachs ist damit viermal so stark wie bei sparsameren, "normalen" Pkw.

Die überraschenden Revolutionen in Nordafrika und die plötzliche Unsicherheit im Nahen Osten zeigen nun erneut die Verwundbarkeit des auf Öl basierenden Wirtschaftssystems auf. Die Ängste der Ökonomen, dass der hohe Ölpreis die Weltwirtschaft in die Rezession zurückwerfen könnte, sind nämlich nicht unbegründet. Auf jeden Fall werden die Energiepreise die ohnehin erwartete hohe Inflation noch einmal kräftig anheizen.
Der westlichen Politik dürfte Letzteres gar nicht unrecht sein. Können die Staaten dadurch ja mit einer einfachen Methode ihre angehäuften Schuldenberge wieder verringern - ohne selbst als Schuldige im Rampenlicht zu stehen. Daher wollen wir an dieser Stelle nicht auf sie vergessen: Der aktuelle Preissprung hängt zwar mit Libyen zusammen. Der kontinuierliche Anstieg des Ölpreises seit dem Herbst des Vorjahres geht aber auf die Flutung der Märkte mit billigem Geld durch die nationalen Notenbanken zurück. Denn dieses Geld sucht in der Folge nach lukrativen Investitionsmöglichkeiten -die so oft verteufelte "Spekulation" ist geboren.

Mittelfristig wird sich die Lage wieder beruhigen. Denn egal, wer in Libyen künftig an der Macht ist, er wird darauf erpicht sein, weiterhin Öl gegen Dollar zu tauschen. Langfristig wird es aber neue Krisen geben. Denn Öl kommt großteils aus Ländern, deren politische Stabilität nicht in Stein gemeißelt ist. Zudem wird die Nachfrage -Stichwort China und Indien - stärker als das Angebot wachsen. Ein schöner Cocktail für neuerliche Preisschocks.
Das Ziel muss daher sein, die Entkopplung der Wirtschaft vom Öl weiter voranzutreiben - auch wenn der Preis wieder einmal fällt. Dieses Ziel ist nämlich keine grüne Spinnerei. Und auch Klimazweifler sollten sich ihm anschließen. Denn der reine Selbstschutz ist die beste Motivation dafür.

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