Wiener Zeitung: Leitartikel von Walter Hämmerle: "Täglich eine Messerstecherei"

Ausgabe vom 25.2.2011

Wien (OTS) - Wir wissen eh: Gewalt liegt in der Natur des
Menschen, ganze Gesellschaften lassen sich für diesen Zweck gezielt mobilisieren und, no na, auch der Einzelne ist jederzeit - sei es mit Kalkül, sei es im Affekt - bereit, seinem Nächsten jede Gewalt anzutun. Und dennoch ist es immer wieder aufs Neue ein Schock, wenn dieses urmenschliche Phänomen in unseren unmittelbaren persönlichen Alltag einbricht.

Damit meine ich gar nicht die tagtäglichen Opfer von fernen Kriegen und Massakern, die ohne Unterlass über die Wohnzimmer-Bildschirme flimmern. Viel schockierender wirken sich die zur Routine der Chronikberichterstattung herabgesunkenen Kurzmeldungen über Messerstechereien und Schießereien im engsten Lebensumfeld auf mein unmittelbares Sicherheitsbewusstsein aus.

Ganz offensichtlich tragen sehr viel mehr Menschen - genauer gesagt:
Männer - in Österreich ständig eine Waffe bei sich, als man sich landläufig bewusst ist. Es empfiehlt sich, seinen Sitznachbarn im Beisl ganz genau anzuschauen, bevor man zu streiten beginnt oder sich in einen Streit einmischt - die Chancen sind nämlich beträchtlich, dass dieser jemand, vor allem, wenn er noch relativ jung ist, ein Messer, vielleicht sogar eine Schusswaffe dabei hat.
Das ist, ungeachtet aller statistischen Wahrscheinlichkeit, zu allererst eine Bewusstseinsfrage. Und diese könnte, hat sie erst einmal weitläufig um sich gegriffen, fatale gesellschaftspolitische Folgen haben - Stichwort Zivilcourage. Wer greift noch, sei es vermittelnd oder schützend, in einen Streit ein, wer zeigt einem Pöbelnden die Grenzen auf, wenn er guten Grund zur Befürchtung hat, dass sein Gegenüber zur Waffe greifen könnte?

In gar nicht so kleinen Kreisen dieses Landes scheint es cool und angemessen zu sein, diesbezüglich nicht "nackt" auf die Straße zu gehen. Ob schärfere Gesetze hilfreich sind, müssen Experten beantworten, beim Alltagswerkzeug Messer wird man hier wohl rasch an Umsetzungsgrenzen stoßen. Auch der Umgang mit Waffen in einer Gesellschaft ist nämlich zu allererst eine Bewusstseins- und Erziehungsfrage. Es kann kein Fehler sein, mehr darüber zu reden.

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