WirtschaftsBlatt-Leitartikel: Das Märchen von der großen Inflation - von Esther Mitterstieler

Politische Änderungen gehen an der Konjunktur nicht vorbei

Wien (OTS) - Kommt jetzt die große Inflation oder machen wir uns bloß etwas vor? Deutsche wie Österreicher, Wirtschaftswissenschafter wie breite Bevölkerungsschichten sind zumindest überzeugt, dass alles teurer wird. Dass dies nicht nur eine gefühlte Teuerung ist, stimmt natürlich. Der Mix aus niedrigen Leitzinsen, verteuerter Energie, Rohstoffen und Nahrungsmitteln lässt allerdings Horrorfantasien blühen und besonders Ängstliche das Schlagwort Hyperinflation an die Wand malen.

Das ist übertrieben. Der Flächenbrand in Nordafrika treibt den Ölpreis und damit die Teuerung. Überhaupt reagieren die Börsen nervös - so war es immer schon zu unruhigen Zeiten. Dass besonders in Deutschland und Österreich die Angst der Hyperinflation präsent ist, kommt ebenfalls aus der Historie. In den 20er-Jahren erhöhten sich die Brotpreise infolge der Hyperinflation am Ende stündlich und brachte die Massen gegen ihre instabile Regierung auf, um in der Diktatur zu münden. Jetzt ist der Deckel genauso wegen zu hoher Couscous- und Brotpreise übergeschwappt und die Massen lehnen sich gegen die Diktaturen auf.

Solche politischen Änderungen gehen auch an der Konjunktur nicht stillschweigend vorüber. Die Gefahr einer Hyperinflation in Ländern wie Österreich oder Deutschland zu propagieren, scheint nun aber doch ein Sprung in die Hysterie. Das IHS rechnet nun mit 2,5 Prozent Inflation im nächsten Jahr statt 1,8 Prozent. Mein Gott! Die Leitzinsen sind niedrig und die Anhebung würde zwar Staaten wie Österreich und Deutschland begünstigen, wäre aber für Schuldnerstaaten wie Portugal, Irland, Italien, Griechenland und Spanien blankes Gift. Der erhöhte Leitzins würde die Teuerungsrate einbremsen, weil Kredite teurer und weniger beliebt wären. Damit würde auch weniger Geld im Umlauf sein: Seit 1980 hat sich die weltweite Geldmenge mehr als verzehnfacht, die Gütermenge legte gleichzeitig nur um das Sechsfache zu. Trotzdem: Denken wir an 2007 und 2008. Damals verdoppelten sich die Inflationsraten in Europa binnen kurzer Zeit auf vier Prozent, erst die Lehman-Pleite und die ihr folgende Rezession nahm der Inflation die Luft raus. Und plötzlich kursierte die Angst vor der Deflation. So schnell ändern sich die Zeiten. Ein bisschen Inflation ist immer noch besser als zehn Jahre Deflation, schauen Sie nach Japan.

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