WirtschaftsBlatt-Leitartikel: Schade um Karl-Heinz Grasser - von Wolfgang Unterhuber

Ist sich Grasser bewusst, dass er moralisch erledigt ist?

Wien (OTS) - Nein: Der Titel ist keine raffinierte Ironie - er ist ernst gemeint. Es ist wirklich schade um den ehemaligen Finanzminister. Karl-Heinz Grasser war mit Sicherheit ein politisches Talent und hätte ohne Zweifel Großes für dieses Land bewegen können. Aber irgendwann begann er abzudriften. Die Mühsal der Ebene wurde ihm offenkundig zu langweilig. Der Glanz, der Ruhm, sein Aufstieg in den Jetset und die Schmeicheleinheiten der Medien verdrehten ihm schlichtweg den Kopf.

In seinen besten Tagen verkörperte Grasser eine Botschaft, die in diesem Land der ewigen Reichsbedenkenträger einfach erfrischend war:
"Anything goes", schien sein Credo zu sein. Heute besteht der große Verdacht, dass dieses "Anything goes" nur für ihn selbst und seine Freunde Gültigkeit hatte. Abseits juristischer Erhebungen, die (wie der "ORF Report" vor einer Woche zeigte) durchaus auf Hochtouren laufen, stellen sich hier einige Fragen.

Erstens: Wann wurde Karl-Heinz Grasser von der Gier gepackt? Wollte er einfach "nur" reich werden? Oder wollte er, wie sein prominenter Vorgänger Hannes Androsch (der, zur Erinnerung, politisch über eine Steuersache stolperte), auch ein erfolgreicher Unternehmer und "Experte für alles" werden? Zweitens stellt sich die Frage, ob Karl-Heinz Grasser überhaupt noch den Überblick hat? Es gibt wohl kaum einen anderen Bürger in diesem Land, der derzeit mutmaßlich von so vielen Affären und Skandalen betroffen ist.

Drittens: Hätten seine Freunde und Weggesellen auch so tolle Beratungsaufträge erhalten, wenn er nicht Finanzminister gewesen wäre? Oder gab es da tatsächlich eine Art Masterplan, so nach dem Motto: "Bereichern wir uns ein bisserl?"

Viertens: Warum konstruiert jemand ein verwinkeltes und verzwicktes Firmenkonstrukt aus Stiftungen und Briefkastenfirmen von Liechtenstein bis in die Karibik? Ohne Herrn Grasser hier etwas unterstellen zu wollen: Für gewöhnlich tut dies jemand nicht, um zu Hause ein schönes Firmenreich herzeigen zu können, sondern zwecks "Steueroptimierung", wie es so schön heißt, und vor allem, weil er etwas zu verbergen hat (siehe dazu auch Artikel auf Seite 2).

Fünftens: Ist sich Karl-Heinz Grasser überhaupt bewusst, dass er moralisch erledigt ist? Denn wer einst vorgab, die Interessen der kleinen Leute zu vertreten - und das supersauber -, der muss an sich selbst höchste moralische Ansprüche stellen. Grasser hat nicht nur vergessen, Steuern zu zahlen, sondern auch auf die Moral. Und die kann man nicht nachzahlen.

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