"Die Presse"-Leitartikel: Der Fall zu Guttenberg oder die Rache der grauen Mäuse, von Michael Fleischhacker

Ausgabe vom 19.02.2011

Wien (OTS/Die Presse) - Die Plagiatsvorwürfe gegen den deutschen Verteidigungsminister sollten nicht unterschätzt werden. Sie sind ein Symptom der Erosion unseres politischen Systems.

Dass die sexuellen Abenteuer des italienischen Ministerpräsidenten und die akademischen Kalamitäten des deutschen Verteidigungsministers so breiten Raum in der medialen Berichterstattung einnehmen, wird von etlichen Beobachtern als Zeichen des unaufhaltsamen Abstiegs von Politik und Medien gewertet.

Natürlich sind die arabischen Revolutionen wichtiger als die Frage, wie viel Karl-Theodor zu Guttenberg in seiner Doktorarbeit von wem abgeschrieben hat, wenn er geschrieben hat. Natürlich ist die Zukunft des Euro wichtiger als die Frage, wie alt welches Mädchen war, als es Silvio Berlusconi zu Diensten war.

Man kann zu Guttenberg und Berlusconi schwer vergleichen. Aber es geht in beiden Fällen darum, politische Überflieger vom Himmel der unerklärlichen Popularität zu holen. Und zwar nicht durch einen gezielten politischen Schuss, sondern durch die Selbstzündung von Paketbomben, die beide schon länger im Gepäck haben: das Sabbertum des alten Cavaliere und die Gefallsucht des jungen Barons. Wozu brauchte zu Guttenberg, der eingespannte Familienvater und Abgeordnete, eine Dissertation? Um beruflich weiterkommen zu können? Nein, um so perfekt erscheinen zu können, wie er glaubte, erscheinen zu müssen, um erfolgreich zu sein.

Silvio Berlusconi und Karl-Theodor zu Guttenberg haben weder inhaltlich noch biografisch viel gemeinsam. Nur dies: Ihr außerordentlicher, für die linken Korrektheitsfadiane unerklärlicher und selbstverständlich auch unerträglicher Erfolg als Politiker beruht drauf, dass sie nicht als Politiker wahrgenommen werden. Dafür werden sie von den Massen und vom Boulevard geliebt. Politikerinnen und Politiker vom Typus Angela Merkel oder Romano Prodi werden von einer Minderheit und von den Qualitätsmedien geschätzt, weil sie Politiker sind, wie wir sie kennen: sachorientiert, seriös bis weit über die Grenzen des Tranigen hinaus. Messbar mit den alten Bleilinealen der Parteiideologie. Privatleben und öffentliches Leben streng getrennt.

Was wir jetzt erleben, ist so etwas wie die Rache der grauen Mäuse. Wen man im politischen Ring nicht in den Griff bekommt, den muss man auf dem Nachhauseweg erwürgen. Und wenn die Herrschaften schon so freundlich sind, sich schwer illuminiert vom Schaumwein der Zustimmung auf den Weg zu machen, langt man eben zu.

Karl-Theodor zu Guttenberg hat vor einigen Jahren leichtfertig das aufs Spiel gesetzt, was heute sein größtes Kapital ist: seinen Ruf als ehrlicher, fleißiger und gewissenhafter Mensch. Das nämlich ist die gängige Vorstellung vom Nichtpolitiker. Und er hat in seiner Reaktion auf das Bekanntwerden der Plagiatsvorwürfe wichtige Gefechte in seiner besten Waffengattung, der PR, verloren. Seine putineske Erklärung vom Freitag, er werde über diese Angelegenheit ab nun ausschließlich mit der Universität Bayreuth kommunizieren, war etwas peinlich.

Und sie erinnerte an jenen deutschen Autohersteller, der nach einem missglückten Elchtest zwei kleine technische Änderungen ankündigte und bei der Gelegenheit erklärte, man habe "damit die Diskussion beendet". Irrtum, sie begann jetzt erst richtig. Verwöhnte Autobauer und (nicht)politische Überflieger haben das gleiche Problem: Sie sind Schönwetterpiloten. Karl-Theodor zu Guttenberg wird jetzt zeigen müssen, ob er auch willens ist, in die Untiefen des politischen Kampfes hinabzusteigen.

Man sollte den Fall (Dr.) zu Guttenberg nicht unterschätzen. Er ist ein Symptom für eine Systemerosion. Die oberste Schicht des politischen Bodens, auf dem wir stehen, war die Parteiideologie. Sie wurde 1989 von den Stürmen der Freiheit abgetragen. Im Scheinwerferlicht der omnipräsenten Bildmedien erschienen nun Personen. Langsam begreifen wir, dass man nur lange genug hinschauen muss, um alle hässlich finden zu können. Was jetzt, da sich der quälende Charakter der dauerhaften Medienpräsenz erweist, als Nächstes kommt, kann keiner sagen.

In diesem Text verbergen sich übrigens zwei nicht gekennzeichnete Zitate aus überregionalen Qualitätszeitungen. Bis die Sache geklärt ist, verzichte ich auf das Tragen meines Chefredakteurstitels.

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