DER STANDARD-Kommentar "Sitzengeblieben" von Conrad Seidl

"Schulstreit"; Ausgabe vom 19./20.02.2011

Wien (OTS) - Bei allem Respekt vor der Wirksamkeit der
Schlagzeilen der Boulevardpresse: Politiker müssen nicht alles machen, was dort geschrieben steht. Sie müssen es nicht einmal glauben. Dann könnten sie sich jene Art von Blamage ersparen, die sich Unterrichtsministerin Claudia Schmied geholt hat. Die Kronen Zeitung hatte berichtet, dass sich die Koalition darauf geeinigt habe, dass Schüler künftig nicht mehr sitzenbleiben können.
Eine frohe Botschaft für zehntausende Familien. Eine frohe Botschaft auch für die Ministerin, die das Sitzenbleiben lieber heute als morgen abschaffen würde: Sie bejubelte telegen (und verfrüht) den vermeintlichen Durchbruch.
Leider hat die ÖVP, die den Slogan "Schau in die Krone" traditionell nicht so ernst nimmt wie die SPÖ, von der Einigung nichts mitbekommen. Daher musste man am Freitag zurückrudern: Nein, ganz so einig ist man sich doch nicht. Und: Wenn ein Schüler zu einem bestimmten Zeitpunkt seiner Schullaufbahn in mehreren Gegenständen total versagt, dann wird er auch in Zukunft sitzenbleiben. Allerdings: Es dürfte künftig für die vom Sitzenbleiben besonders gefährdeten Oberstufenschüler bessere Chancen geben, nicht die ganze Schulstufe wiederholen zu müssen und im angestammten Klassenverband zum Bildungsziel zu kommen. Das ist sowohl pädagogisch als auch volkswirtschaftlich sinnvoll. Eine Einigung darüber sollte nicht durch vorschnelle Äußerungen vereitelt werden.

Rückfragen & Kontakt:

Der Standard, Tel.: (01) 531 70/445

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | PST0001