"KURIER"-Kommentar von Helmut Brandstätter: "Die schöne heile Welt war nur ein Schlager"

Peter Alexander strahlte Wohlgefühl aus, stand aber auch für tiefe Provinz.

Wien (OTS) - "Wir sind eine große Familie
wir gehören zusammen, hier ist keiner allein
wir sind eine große Familie
und wir wollen es bleiben, das wird immer so sein."
Dieser Liedtext ist 1973 entstanden, und er stammt aus der Feder von Peter Alexander.
Fast 1,3 Millionen Zuseher waren dabei, als der ORF am Montag die letzte Peter Alexander Show ausstrahlte, mit hohem Marktanteil auch bei den ganz Jungen. Zu bewundern war ein genialer Entertainer, der keinen Nachfolger gefunden hat.
Die heile Welt des Peter Alexander hat es schon damals nur im Schlager und auf der Bühne gegeben. Aber es gab noch mehr Institutionen, die Sicherheit oder zumindest Orientierung boten. Die Scheidungsrate lag deutlich niedriger (1970: 18 %, heute 46 %), die Grenzen waren dicht, die politischen Mehrheiten absolut, das Berufsleben bot lebenslange Karrieren, und der Kirchgang am Sonntag gehörte für 1,8 Millionen dazu, heute sind es gerade noch 750.000. Da war viel Heuchelei, und jeder hat es gewusst. Die "gesunde Watsch'n" war ein Teil der Gewalt in den Familien, die damals noch großen Parteien haben Mitglieder mit Vergünstigungen in Abhängigkeit gehalten, und genau in dieser Zeit kam es in Einrichtungen der Kirche zu den Missbrauchsfällen, die erst jetzt aufgeklärt werden.
Die Neutralität war damals unumstritten, Gott sei Dank wurde die Verteidigungsbereitschaft unseres Bundesheeres nie getestet.
In den letzten Jahrzehnten ist das Vertrauen in alle wichtigen Institutionen des Landes deutlich gesunken, wie auch eine Untersuchung im KURIER vom Freitag gezeigt hat. Und die großen Persönlichkeiten, die Autorität und Sicherheit ausstrahlen, fehlen auch.

Das Leben im kleinen Österreich ist ganz sicher weniger überschaubar und weniger planbar geworden, aber dafür gibt es auch viel mehr Chancen und Möglichkeiten als früher. Es gab noch nie so viele Studenten im Ausland, die sich nicht nur auf ihren Beruf vorbereiten, sondern auch Erfahrungen anderer Gesellschaften mit nach Hause bringen. Es gab auch noch nie so viele Unternehmen, die mit ihren Produkten auf dem Weltmarkt erfolgreich sind. Und Frauen geben heute ihre Karriere nicht auf, wie das Hilde Alexander tat.
Nur die Politik tut immer wieder so, als könne sie Österreich von internationalen Entwicklungen abschotten. Die Integration in die Europäische Union und die Osterweiterung haben Dynamik in unsere Wirtschaft gebracht. Jetzt brauchen der gemeinsame Markt und die gemeinsame Währung eine Europäische Wirtschaftsregierung. Diese sollten wir aktiv mitgestalten und dabei auch auf unsere Interessen schauen.
Österreich war in den erfolgreichen Jahren von "Peter dem Großen" tiefe Provinz, das ist vorbei. Provinzielle Debatten führen wir aber heute noch.

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