"Kleine Zeitung" Kommentar: "Die Revolution frisst den Revolutionsführer auf" (Von Ingo Hasewend)

Ausgabe vom 17.02.2011

Graz (OTS) - Alle sozialen Wohltaten haben nichts genutzt. Der
Unmut des libyschen Volkes über seinen Herrscher war nicht zu dämpfen. Muammar al-Gaddafi erlebt nun ein eigenes Gesetz: Die Revolution frisst ihren Revolutionsführer. Selbst seine Anordnung, sämtliche Steuern und Zölle auf Lebensmittel zu eliminieren, konnte ein Überspringen des arabischen Flächenbrandes auf das Erdölparadies nicht verhindern.

Dabei hieß es: Ihn, den selbst ernannten "König der Könige", werde es nicht treffen. Einerseits, weil es den Libyern besser geht als anderen Völkern im nordafrikanischen Revolutionsbogen - zudem hat sich der Exzentriker jüngst auf die Seite der Volksaufständischen gestellt. Andererseits, weil der Unterdrückungsmechanismus besser funktioniert hat. Die Presse- und Internetzensur des libyschen Revolutionsführers ist die härteste in Nordafrika. Auch deshalb fand die gewaltsame Niederschlagung vieler Proteste in Tripolis selten mehr als nur bruchstückartig den Weg in die Öffentlichkeit.

In der arabischen Welt kocht es und selbst in reichen Ölstaaten haben es die Menschen offenbar satt, sich gängeln zu lassen. Vor allem die Jugend will ihr Leben frei bestimmen. Sie weiß aus Internet und Satellitenfernsehen, wie ihre Altersgenossen in Europa oder den USA leben. Diesem Tsunami kann offenbar kein Regime mehr mit Zensur dauerhaft genügend entgegensetzen.

Das Wort "Bei denen wird der Freiheitsvirus nicht greifen" ist derzeit so sicher wie eine Wette auf das Wetter in sechs Monaten. Lässt sich in Zeiten der Facebook-Revolutionen überhaupt noch seriös sagen, ob eine Diktatur in Bedrängnis ist oder gar akut gefährdet? Wohl nicht, wie der Aufstand gegen Gaddafi zeigt.

Das lässt aber den Raum frei für Spekulationen, die weit über den arabischen Raum hinausgehen: Wann wird der Iran seine zweite grüne Bewegung erleben, wie lange kann China die Jugend von der Revolution unter dem Halbmond fernhalten und wann erheben sich die Völker Schwarzafrikas gegen ihre Despoten wie Mugabe und Co? Erleben wir gerade gar die oft abgesagte Weltrevolution?

In jedem Fall bekommt nun einer eine historische Chance, der den Wandel propagiert, anders als seine Vorgänger den Freiheitsgedanken mit Respekt transportieren wollte - und doch zum gefallenen Propheten wurde. Barack Obama kann mit einer klugen US-Diplomatie den Wunsch nach demokratischer Umgestaltung begleiten und damit zeigen, dass er mit seinen Visionen die Menschheit tatsächlich in ein neues Zeitalter führen kann.****

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