"Kleine Zeitung" Kommentar: "Von Freiheit allein kann man sich nichts kaufen" (von Ernst Heinrich)

Ausgabe vom 16.02.2011

Graz (OTS) - Die arabische Welt ist im Umbruch. In Ländern wie Tunesien und Ägypten scheint plötzlich möglich, was die europäische Politik immer einforderte: Freiheit, Demokratie, Rechtsstaatlichkeit. Doch jetzt, da die ersten Autokraten unter dem Beifall der EU-Granden aus ihren Heimatländern flüchten, wird schlagartig klar, dass dieser Umsturz Europa ungeahnte Probleme bereitet: Ein neuer Flüchtlingssturm brandet seine Küsten. Binnen weniger Tage flüchteten mehr als 5000 Tunesier auf überladenen Booten zur nur hundert Kilometer entfernten italienischen Insel Lampedusa.

Mit diesem Massenexodus hat offenbar niemand gerechnet. Warum auch. Gerade von den Tunesiern, den mutigen Vorreitern der arabischen Renaissance, erwartete man, dass sie besonders engagiert an der Neuordnung ihrer Heimat mitarbeiten. Weit gefehlt. Denn zwar hat sich das politische Klima in Tunesien seit der Flucht des Diktators deutlich verbessert, aber das ändert nichts am harten Alltag der Menschen. Im Gegenteil: Seit dem Zusammenbruch des Tourismus, der Zehntausenden Arbeit gab, nimmt die Armut eher zu als ab. All die jungen, arbeitslosen Akademiker, die vor dem Umsturz keine Perspektiven für sich sahen, sind noch immer ohne Perspektive. Sie sind ungeduldig geworden. Mehr Demokratie haben sie zwar erkämpft, aber von der Freiheit allein kann man sich nichts kaufen. Sie wollen endlich arbeiten, Geld verdienen; nicht irgendwann einmal, sondern sofort.

Nur der brutale Sicherheitsapparat hat viele bisher daran gehindert, ihr wirtschaftliches Heil in der Flucht zu suchen. Mit dem Zusammenbruch der Diktatur wurde das engmaschige Netz von Polizei und Küstenwache löchrig. Schlagartig ist es einfacher geworden, aus der Heimat über das Mittelmeer ins vermeintlich gelobte Land EU aufzubrechen.

Jetzt, da der Anti-Armutswall an den Südgrenzen der Europäischen Union birst, ist Europa gefordert - und zwar ganz Europa, nicht nur Italien oder Griechenland. Konkret und nachhaltig. Durch gezielte Wirtschaftshilfe, durch tatkräftige Unterstützung beim Aufbau von Rechtsstaatlichkeit, von Justiz und Polizei, durch Investitionen und durch Zollerleichterungen.

Denn gelingt es den Europäern nicht, den Menschen im neuen Arabien eine Perspektive in deren Heimat zu geben, wird der jüngste Flüchtlingsansturm auf Lampedusa nur der Auftakt zu einer wahren Invasion der Verzweifelten auf die Festung Europa sein.****

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