DER STANDARD-Kommentar: "Revolutionsreif" von Gudrun Harrer

"Das iranische Regime glaubt an seine Sendung und hat nichts zu verlieren"; Ausgabe vom 16.02.2011

Wien (OTS) - Die Gefühle sind die gleichen. In Ägypten wurde in den vergangenen Jahren im Kino stets applaudiert, wenn in der Verfilmung von Alaa al-Aswanys Der Jakubijan-Bau jener Polizeioffizier erschossen wird, der die Vergewaltigung des jungen Taha befohlen hat. Im Iran, wo so ein Film gar nicht zu sehen wäre, läuft es andersherum: Dort pflegen während der Vorführung eines Propagandastreifens, der das segensreiche Wirken der Basiji-Schlägermilizen zeigt, die Zuseher verächtlich zu zischen. Iran ist seit langer Zeit reif für eine demokratische Revolution, seit Jahren ringen die Menschen um mehr Freiheit. Die iranische Jugend ist noch viel gebildeter und vernetzter - und perspektivloser - als alle anderen in der Region. Und dennoch bleiben nach derzeitigem Ermessen die Voraussetzungen für einen schnellen Umsturz eher schlecht. Nicht etwa, weil Frustration und Wut von unten auch nur um ein Jota schwächer wären, im Gegenteil. Aber oben sitzen Machthaber, die, ganz im Gegensatz zu den arabischen, ihre Herrschaft nicht als große Mafiashow inszenieren - obwohl sie das natürlich auch sind -, sondern an ihre ideologische Sendung und religiöse Legitimität wirklich glauben. Und das sind die gefährlichsten.
Die Unterschiede sind klar auszumachen, wenn man sich die Niederschlagung der Proteste nach den iranischen Präsidentschaftswahlen 2009 ansieht und wie das Regime in den Jahren danach vorging: kein Zurückweichen wie die arabischen Regierungen jetzt, die mit allerlei materiellen Geschenken und politischen Versprechungen aufwarten, um die Menschen zu beschwichtigen und zu umarmen (was im Fall Tunesiens und Ägyptens aber nichts mehr genützt hat). Das iranische Regime schlug drein, hart und entschieden. Die Gefängnisse sind voll, die Henker arbeiten.
Und der greise Mann an der Spitze schwelgt in Revolutions_sentimentalität und glaubt, dass die arabischen Revolten etwas mit einer Sehnsucht zu tun haben, so etwas zu bekommen, wie es die Iraner und Iranerinnen schon haben.
In Tunesien und Ägypten war zu sehen, dass sich die Gesellschaften als Ganzes geändert hatten, das heißt nicht nur die Schicht, die auf die Straße ging, sondern auch jene, der die Proteste galten. Ein ägyptisches Tian-anmen war nicht mehr angelegt - was nicht heißt, dass es nicht passieren hätte können, solche Ereignisse haben oft irrationale Auslöser. Ein iranisches Tiananmen liegt leider viel näher. Das Regime hat auch, anders als das ägyptische, gegenüber dem Rest der Welt nichts zu verlieren. Sein Vorteil dabei ist, dass die paranoide Behauptung, alles sei von außen gesteuert, leichter im Land vermarktet werden kann.
In dieses düstere Bild gehören auch die Forderungen der Regimebefürworter, mit den Oppositionsführern - die Dissidenten sind, das heißt, früher dazugehört haben - kurzen Prozess zu machen. Fotomontagen, die Mir-Hossein Mussavi, Mehdi Karrubi und Mohammed Khatami mit dem Strick um den Hals zeigen, haben Konjunktur. Dennoch: Die "Grüne Bewegung" lebt, das hat sie gezeigt, und sie wird überleben, und irgendwann wird es auch im Iran so weit sein. Die Unzufriedenheit wächst, auch weil die Sanktionen langsam greifen. Und je härter das Regime dreinhaut, desto mehr Legitimität verliert es auch bei jenen, die antiwestlich sind und vielleicht von einem politischen Islam träumen - nicht nur im Iran selbst, sondern in der ganzen islamischen Welt.

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