TIROLER TAGESZEITUNG "Leitartikel" vom 15. Februar 2011 von Peter Nindler "Umgehungen haben leider Tradition"

Freizeitwohnsitze werden in Tirol beworben. Es ist Zeit, diese Realität endlich zu akzeptieren.

Innsbruck (OTS) - Es gibt ein Angebot und eine seit Jahren anhaltende Nachfrage. Freizeitwohnsitze in Tirol sind begehrt. Beschränkungen haben die offizielle Zahl zwar eingedämmt, doch die illegalen Zweitwohnsitze gefördert. Der Bezirk Kitzbühel steht stellvertretend für eine Entwicklung, die bereits in den Siebzigerjahren begonnen hat. Damals, als das Grundverkehrsgesetz noch viel strenger war als heute, blühten die Umgehungsgeschäfte. Treuhandschaften, 99-jährige Mietverträge oder undurchsichtige Eigentumskonstruktionen verschleierten vielfach die wahren Besitzer. Während die Politik den Ausverkauf der Heimat stoppen wollte, schaute sie gleichzeitig in den Grundverkehrskommissionen weg. Der Grundverkehr wurde bis zum Zerreißen gedehnt. Der Beitritt zur Europäischen Union hat viel verändert. Man muss nur erklären, dass man keinen Freizeitwohnsitz errichtet, und schon steht man im Grundbuch. Der Verwaltungsaufwand ist enorm, um Umgehungsgeschäfte zu ahnden. Und langsam, aber sicher stellt sich die Frage, ob er sich auch lohnt. Denn es gibt nach wie vor Gleiche und Gleichere. Damit die aus dem EU-Ausland stammende Jelena Baturina ihre Villa in Aurach erwerben konnte, benötigte es auch einige Verrenkungen der Behörden. Doch bei ihr kam das öffentliche Interesse zum Tragen.
Gegen Angebot und Nachfrage kommt ein noch so rigides Gesetz nicht an. Einzig über eine konsequente Widmungspolitik in den Gemeinden könnte der eine oder andere illegale Freizeitwohnsitz schon im Vorfeld verhindert werden. Das Grundverkehrsgesetz hinkt stets hinten nach und ist eigentlich ein Reaktionskatalog. Die Anzeigen schrecken kaum ab, die (geringen) Strafen bleiben wirkungslos. Vielleicht sollte die Tiroler Politik endlich die Realität akzeptieren, anstatt mit untauglichen Mitteln die Muskeln spielen zu lassen.

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