WirtschaftsBlatt-Leitartikel: Ägypten: Wer den Wohlstand bringt, gewinnt - Wolfgang Unterhuber

Die Revolution von 2011 ist eine Folge der Revolution von 1952

Wien (OTS) - Revolution gelungen! Was jetzt?", titelt diese Woche das Magazin profil und stellt damit genau die Frage, die nicht nur die Ägypter, sondern auch Politiker, Experten, Börsianer und Unternehmer zwischen Washington und Teheran beschäftigt. Ein Blick zurück in die jüngste Geschichte lohnt sich dabei allemal. Die letzte Revolution in Ägypten liegt 59 Jahre zurück. Damals veranstalteten Offiziere einen Putsch gegen die Monarchie. Der König musste das Land verlassen, die Bevölkerung feierte die Armee als Befreier. Was folgte, war ein Einparteienstaat mit den Militärs im Hintergrund. Unter Präsident Gamal Abdel Nasser erfolgte eine sozialistische Ausrichtung der Wirtschaftspolitik. Er verstaatlichte wichtige Industriezweige, was zu einem Ende der Auslandsinvestitionen führte. In Summe scheiterten die "Befreier" von 1952 mit ihrer Wirtschaftspolitik kolossal. Letztendlich ist die Revolution von 2011 somit eine Folge der Revolution von 1952. Denn eine ökonomische Liberalisierung wurde erst vor sieben Jahren eingeleitet. Zu einem Zeitpunkt also, da selbst die Kommunisten in Peking den realen Sozialismus längst hinter sich gelassen hatten.

In Folge der Liberalisierung stieg das Wachstum in den Jahren 2006 bis 2008 durchschnittlich auf knapp über sieben Prozent. Der Anteil der Ägypter, die unter der Armutsgrenze leben, ging laut IWF von einem Fünftel auf ein Viertel zurück. Doch trotz dieser Erfolge erreichte das Wachstum nie die breite Bevölkerung. Nicht nur, weil die Kaufkraft aufgrund der hohen Inflation abnahm, sondern weil sich eine oligarchische Oberschicht schamlos bereicherte. Der opulente Lebensstil der Kleptokraten stand in krassem Gegensatz zum täglichen Überlebenskampf der Mehrheit. Deshalb wurde schon 1952 der König gestürzt und deshalb stürzten auch die Erben der Putschisten von 1952.

Wenn die Ägypter also Demokratie wollen, dann verbinden sie damit in erster Linie nicht freie Meinungsäußerung, wie uns das zahlreiche Kommentatoren sehr herzig und sehr naiv weismachen wollen, sondern Wohlstand. Die Ägypter sind nicht für die Auflösung des Geheimdienstes auf die Straße gegangen, sondern für eine gerechte Verteilung des natürlich vorhandenen Reichtums. Diese Gerechtigkeit und diesen Wohlstand wollen sie nicht morgen oder übermorgen, sondern jetzt.

Die Ägypter werden also jenes politische System unterstützen, das ihnen diesen Wohlstand glaubwürdig verspricht oder sogar tatsächlich bringt. Ob das ein Gottesstaat sein wird oder eine westlich geprägte Demokratie, ist vollkommen sekundär.

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