WirtschaftsBlatt-Leitartikel: Mit dem Essen spielt man nicht - von Hans Weitmayr

Ausgerechnet die Finanzmärkte bringen uns diese Lektion aufs Neue bei

Wien (OTS) - Die Notierungen von Lebensmittel-Futures steigen in lichte Höhen. Länder wie Bolivien beginnen, ihre Währungsreserven zu Gunsten von Lebensmittellagern und neuen Anbauflächen zu reduzieren. Wütende Anschuldigungen prasseln von allen Seiten auf "die Spekulanten" ein, die, so das Argument, mit dem Hunger der Ärmsten satte Gewinne einstreifen. Diese Attacken sind schnell geritten und werden auch leicht akzeptiert, weil sie ähnlich simpel sind wie das Stummfilm-Prinzip, dass gute Cowboys weiße und böse Cowboys schwarze Hüte tragen.

Die dahinter stehende Scheinmoral löst bei näherem Nachdenken aber ein gewisses Maß an Übelkeit aus. Dazu ein kurzer Rückblick in die 80er- und 90er-Jahre des vergangenen Jahrhunderts. Ein Bildpaar drängt sich auf, das in seiner Dekadenz schwer zu übertreffen ist:
Europas Milchseen auf der einen Seite, die dazu geführt haben, dass Lebensmittel schlicht weggeworfen, und Landwirte dafür bezahlt wurden, Anbauflächen brach liegen zu lassen. Auf der anderen Seite, geografisch gerade einmal durch das Mittelmeer getrennt, Hungersnöte, die abertausende Menschen in einen qualvollen Tod schickten. Niedrige Nahrungsmittelpreise sind also nicht im Stande, Hungersnöte zu verhindern, wenn das darunter liegende ethische Verständnis nicht vorhanden ist.

Wenn eine Gesellschaft jegliche Bodenhaftung verliert, kann es sogar passieren, dass fehlgeleitete Hilfsprojekte in den Hungerzonen auch noch den Rest an Landwirtschaft vernichten, weil die Produkte der lokalen Landwirte natürlich immer noch teurer sind als die gratis vom Westen verteilten Nahrungsmittel. So geschehen im vorigen Jahrhundert und anscheinend in Haiti bis zu einem gewissen Maß wiederholt.

Was dieser Tage passiert, ist im Gegensatz zu dem damaligen pervertierten Ungleichgewicht also nichts anderes, als eine Rückkehr zur Normalität. Und die bedeutet: Nahrung ist kein Abfallprodukt, Nahrung hat einen Wert und deshalb auch einen Preis. Mit den steigenden Lebensmittelpreisen wird diese Erkenntnis wieder in die Köpfe der großteils im Überfluss lebenden westlichen Welt Einzug halten - und das ist auch gut so. Denn der Respekt vor Brot gehört zur ethischen DNA des Menschen - nicht umsonst erklärt man seinen Kindern: Mit dem Essen spielt man nicht. Dass ausgerechnet die gierigste aller Lebensformen - der globale Finanzmarkt - uns diese Lektion neu beibringt, trägt ein brutales Maß an Ironie in sich.

Rückfragen & Kontakt:

Wirtschaftsblatt Verlag AG
Tel.: Tel.: 01/60117 / 300
redaktion@wirtschaftsblatt.at

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | PWB0001