TIROLER TAGESZEITUNG AM SONNTAG "Leitartikel" 13. Februar 2011, von Liane Pircher: "Europa muss endlich hinschauen"

Nordafrika bleibt unruhig, Europa ist nervös: Hermetisch abgeriegelte Grenzen halten neue Flüchtlingsströme nicht ab.

Innsbruck (OTS) - Der Tyrann ist weg, aber die Demokratie noch voller Risiken. Chaos und eine unsichere Zukunft sind Alltag. Es ist die politische Instabilität, die Tausende Nordafrikaner jetzt noch stärker Richtung Europa treibt. Allein in den letzten drei Tagen haben über 3000 nordafrikanische Flüchtlinge, vorwiegend aus Tunesien und Ägypten, die Insel Lampedusa südlich von Sizilien erreicht. 3000 Schicksale in überladenen, kleinen Booten. Und Nacht für Nacht kommen etwa 200 Armutsflüchtlinge illegal in Griechenland nahe der Grenze zur Türkei an. Von Januar bis November 2010 wurden allein an einem 12,5 Kilometer langen Stück des Grenzflusses Evros 32.500 Flüchtlinge ohne Papiere festgenommen. Der Einsatz von hunderten Beamten der EU-Grenzschutzagentur Frontex hat den Strom eindämmen, aber nicht stoppen können.
In den überfüllten Flüchtlingslagern herrschen menschenunwürdige Zustände, viele werden zurückgeschickt, ohne ihren Asylanspruch zu prüfen, die griechische Regierung hat begonnen, einen Zaun an der Grenze zur Türkei zu errichten: Menschenrechtlich betrachtet ist diese Abwehrhaltung der EU eine Katastrophe. Ja, der Ansturm Tausender gilt Europa und meterhohe Elektrozäune könnten helfen, Abschnitte "dicht" zu machen. Aber egal, was die EU-Staaten bisher getan haben bzw. tun, um Flüchtlinge abzuschrecken, ob man sie in überladenen, altersschwachen Booten ertrinken lässt, abschiebt oder in dreckige Lager pfercht: Der Strom Verzweifelter wird nicht versiegen, sondern sich nur verlagern. Wenn die EU in den nächsten Wochen jetzt endlich über einen Marshallplan für Nordafrika nachzudenken beginnt, ist es aller-, wirklich allerhöchste Zeit dafür.

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