"Kleine Zeitung" Kommentar: "Ein neuer Präsident wird diesmal nicht reichen" (von Ernst Sittinger)

Ausgabe vom 04.02.2011

Graz (OTS) - Den Rücktritt ihres Kammerpräsidenten haben
gestern auch jene Funktionäre des ÖVP-Wirtschaftsbundes erleichtert aufgenommen, die Ulfried Hainzl bisher verteidigt hatten. Zu heftig war der Flurschaden nach der Auto-Affäre. Und der Neue, Josef Herk, ist vom Wesen her ein bodenständiger, grader Michl.

Mit dem Wechsel an der Spitze ist es aber keineswegs getan. Die Kammer und der mit ihr zu eng verflochtene Wirtschaftsbund täten gut daran, auch andere Lehren aus der Causa zu ziehen. Denn die Kammer ist an einem gefährlichen Punkt angelangt, und zwar kurioserweise trotz oder gerade wegen der Reformen der letzten Zeit.

Was ist bisher geschehen? In beeindruckender Art wurden in den letzten Jahren Strukturen abgeschlankt, Bezirksbüros geschlossen, der Verwaltungsaufwand gesenkt. Obwohl die Zahl der (Zwangs-)Mitglieder in zehn Jahren von 48.000 auf 68.000 wuchs, blieb die Zahl der Mitarbeiter bei rund 300 Personen stehen.

Der Apparat, so möchte man meinen, ist also zukunftsfest. Jedoch: Am genetischen Code der Wirtschaftsvertretung wurde nichts geändert. Beispiel Wahlrecht: Der Kammerpräsident wird nicht vom Wirtschaftsparlament gekürt, sondern von der Mehrheitsfraktion ernannt. Noch immer werden Kammer und VP-Bund gleichgesetzt, noch immer agieren Spitzenfunktionäre ohne Gespür dafür, was sie den Mitgliedern zumuten können. Ein Auto oder ein teures Fernsehgerät im Präsidentenbüro sind dann Symbole, die als Fanal enorme Wirkung entfalten.

Die Zukunft der Wirtschaftsvertretung kann keinesfalls darin liegen, dass ein kleiner Parteiklüngel im Hinterzimmer Machtkämpfe austrägt und den Kammerapparat dann als politischen Flankenschutz für den Wirtschaftsbundobmann missbraucht. Dieser Vorwurf mag dort ungerecht sein, wo Service-Mitarbeiter kompetent beraten. Aber die überalterte Machtlogik ist auch Teil der Kammer-Wirklichkeit.

Christian Buchmann als Fädenzieher im Hintergrund war mit Hainzl angeschlagen, hat sich aber nun mit seinem neuen Favoriten Josef Herk durchgesetzt. Er wird sich mittelfristig eine andere Hausmacht suchen müssen. Und er täte gut daran, eine Durchlüftung auf allen Ebenen zuzulassen. Die Wirtschaft ist heute bunt, weiblich und jung, viele Einzelunternehmer strudeln mit enormem Einsatz ums tägliche Überleben. Sie müssen endlich im Fokus der Arbeit stehen und Zuwendung erleben. Es gilt der Grundsatz: Geht's der Wirtschaft gut, dann geht's der Kammer gut. Und nicht umgekehrt.****

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