"Die Presse" Leitartikel: Despotendämmerung: Das Ende der abgehobenen Herrschers, von Burkhard Bischof

Ausgabe vom 02.02.2011

Wien (OTS) - Arabische Langzeitmachthaber wie Tunesiens Ben Ali
oder Ägyptens Mubarak wollten nie wahrhaben, wie tief verhasst sie bei ihren eigenen Leuten sind.

Die arabische Welt schreibt in diesen Tagen Geschichte. Revolutionsgeschichte. Wo die Ereignisse in Tunesien und jetzt in Ägypten hinführen werden, weiß derzeit noch niemand; ob sie überhaupt erfolgreich und nachhaltig sein werden, auch nicht. Völlig klar geworden ist in den vergangenen zwei, drei Wochen aber, wie tief verhasst die Langzeitdespoten in den arabischen Ländern bei ihren eigenen Leuten sind. Klar geworden ist, dass die von riesigen Sicherheits- und Unterdrückungsapparaten und auch westlichen Finanzhilfen gestützten arabischen Regime auf sehr tönernen Füßen stehen.

Diktaturen, Autokratien, Despotien hat es in der Menschheitsgeschichte immer gegeben, wird es immer geben. Aber in diesen Tagen ist es doch mit Genugtuung anzusehen, dass diese auf eine Person oder einen Clan zugeschnittenen Herrschaftsformen auf längere Frist durch eigenes Unvermögen, durch Bestechlichkeit, Arroganz, Brutalität gegen die eigenen Leute ausgehöhlt werden. Es bedarf dann eines Aufstands der geknechteten Massen, um das ganze von innen her verfaulte Herrschaftsgebäude zum Einsturz zu bringen. Eine klassische Revolutionsgeschichte.

Als der tunesische Despot Ben Ali kurz vor seiner Flucht in einer weinerlichen Fernsehrede mit Zugeständnissen die wütenden Demonstranten besänftigen und das Ruder noch einmal herumreißen wollte, beklagte er auch: "Meine Umgebung hat mich getäuscht." Das hat er wohl durchaus ehrlich gemeint. Despoten wie Ben Ali oder auch Hosni Mubarak, die seit Jahrzehnten aus diversen Prunkpalästen heraus ihre Länder regieren, haben offenkundig keine Ahnung, was sich unten, was sich "an der Basis" tut, wie das Volk wirklich denkt, wie es politisch tickt.

Seit Langem schon sind in den meisten arabischen Ländern die Geheimdienstapparate das wichtigste Instrument der Regime zur Überwachung, Kontrolle und Disziplinierung der eigenen Gesellschaften, die gefürchtete "Mukhabarat": Diese Sicherheitsdienste beschützen nicht nur die Regime, sie sind niemandem außer der Staatsspitze rechenschaftspflichtig, sie sind korrupt und brutal und deshalb auch verhasst. Selbst wenn die Geheimdienstler durch ihre Spitzel wissen, wie es in der Gesellschaft rumort und warum - sie werden es kaum den Machthabern berichten, sondern ihnen ein schöngefärbtes Bild präsentieren. "Wir haben alles unter Kontrolle", werden Ben Ali und Mubarak immer wieder gehört haben.

Schöngefärbt wird aber auch von all den anderen Beratern der Despoten und gerade von den Medien, meistens ohnehin in staatlicher Hand. Dem Despoten wird da permanent vorgegaukelt, er sei "im Volk beliebt". Und wenn ihm dann doch jemand über die wahre Stimmung seiner Untertanen berichten will, wendet er sich ab. Mohamed ElBaradei berichtet in einem Interview mit dem "Spiegel" über seine Gespräche mit Mubarak: "Mubarak hat nie zugehört, und er tut es auch jetzt nicht. Ich habe Mubarak vor dieser Entwicklung gewarnt, nun bekommt er die Quittung."

Ein anderes Zitat noch: "Wenn es einen Riss zwischen offizieller Politik und den Überzeugungen und Interessen des Volkes gibt, entsteht jenes Vakuum, das Unruhen erzeugt." Wie wahr doch. Aber das sagt ausgerechnet der syrische Präsident Baschar al-Assad, selbst einer der arabischen Despoten, der sich vor allem mithilfe der Geheimpolizei und repressiver Herrschaftsstrukturen an der Macht hält.

Ja, es gibt eine berechtigte Angst im Westen, dass der "arabische Frühling im Winter" eine unruhige Phase und instabile Verhältnisse im Nahen Osten einleitet. Aber es kann den arabischen Massen doch niemand von außen verwehren, dass sie sich ihrer arroganten, abgehobenen, brutalen und korrupten Herrscher entledigen. Es ist sogar zu hoffen, dass der Funke dieser Revolutionen noch weiter nach Osten überspringen wird - bis nach Zentralasien. Auch dort sitzen ein paar üble Langzeitdiktatoren scheinbar fest im Sattel, wollen bis an ihr Lebensende die Macht ausüben und knechten ihre Völker unter dem Vorwand, Stabilität wahren zu müssen. Auch Islam Karimow oder Nursultan Nasarbajew werden dieser Tage nicht wirklich gut schlafen.

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