Wiener Zeitung: Leitartikel von Reinhard Göweil: "Hunger ohne Not"

Ausgabe vom 22. Jänner 2011

Wien (OTS) - Die Nahrungsmittel-Produktion der Welt stößt in den kommenden Jahren an ihre Grenzen, wird immer wieder festgestellt. Nun, ein Blick auf die aktuelle Situation belegt eher, dass die Verteilung der Nahrungsmittel nicht funktioniert. Ein Viertel der in der EU verkauften Lebensmittel wird weggeschmissen, in den USA wird es eher noch ärger sein. Ein Hohn für die Hungernden der Welt. Da werden unzählige Tonnen Fisch, Gemüse und Obst über tausende Kilometer in die europäischen Metropolen gekarrt, um sie dort dann in den Müll zu kippen. Das ist ein Hohn für die knappe Milliarde Menschen auf diesem Planeten, die Hunger leiden.

Nun wird es nicht möglich sein, die ganze Welt in ein Paradies zu verwandeln, und die Wohlstandsgesellschaften werden immer mehr verbrauchen als sie benötigen. Aber ein bewussterer Umgang mit Nahrungsmitteln würde diese Misere bereits deutlich verbessern. Das setzt ein krasses Umdenken von Konsumenten voraus, das setzt ein krasses Umdenken des Lebensmittelhandels voraus. Allein die Tatsache, dass ein Drittel der heimischen Speise-Erdäpfel auf den Feldern vergammelt, weil es den ästhetischen Erfordernissen nicht genügt, ist ein Skandal.

Allerdings einer, über den sich niemand aufregt. Wenn aus purem Profitstreben Dioxin in Eiern und Fleisch auftaucht, ist die Aufregung groß. Die tägliche Vergeudung der Ressource Nahrung dagegen wird hingenommen.

Eine Veränderung wird es nur geben, wenn der wohlhabende Konsument das Wort Lebensmittel ernster nimmt, als er es derzeit tut. Der Preis sollte dabei nicht das alleinige Kriterium sein. Denn es ist wohl auch gesünder für die westliche Welt, etwas weniger zu essen, dafür aber gleich viel auszugeben.

Und um ein gutes Vorbild abzugeben, könnten auch die Politiker etwas tun, die sich ja ohnehin mit Finanzmarkt-Regulierung befassen: Die von Finanzhäusern stattfindende Preisspekulation mit Grundnahrungsmitteln ist widerwärtig und sollte abgeschafft werden. Es wird immer gerne nach Erklärungen gesucht, warum es solche Termingeschäfte geben muss, und sie klingen meist auch logisch. Aber sie bleiben widerwärtig - und kosten Menschenleben. Mahlzeit.

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