Leitartikel der Tiroler Tageszeitung von MICHAEL SPRENGER Ausgabe vom 21. Jänner 2011, "Viele Hürden auf einem langen Weg"

Die Novelle des Gleichbehandlungsgesetzes wird zu vorschnell als Meilenstein gefeiert.

Innsbruck (OTS) - Hierzulande ist es kein Problem mehr, über Gott zu sprechen und zu schreiben. Gibt es Gott, ist Gott tot? Auch Sex ist in all seinen Facetten längst zur öffentlichen Betrachtung geworden. Alles kein Problem. Selbst "Heimat großer Töchter und Söhne" darf sie und er jetzt singen. Nur über Geld will und soll man nicht reden. Wer warum wie viel verdient, ist ein gut gehütetes Geheimnis.

Bis jetzt. Nun soll das Geheimnis gelüftet werden. Ein wenig zumindest. Denn die am Donnerstag beschlossene Novelle des Gleichbehandlungsgesetzes sieht unter anderem verpflichtende Einkommensberichte für Firmen vor. Was Herr Huber und Frau Maier, die beide in der gleichen Abteilung arbeiten, genau verdienen, wird man weiterhin nicht erfahren. Aber wenigstens das Durchschnittseinkommen von Frauen und Männern in einer kollektivvertraglichen Verwendungsgruppe muss offengelegt werden. Seit 30 Jahren sollte laut Gesetz gleicher Lohn für gleiche Arbeit ausbezahlt werden. 30 Jahre nach Beschluss dieses Gesetzes beträgt der Einkommensunterschied zwischen Männern und Frauen immer noch 18 Prozent.

Und jetzt dieses Gesetz. Naturgemäß würden wir gerne einstimmen in die Wortwahl von Frauenministerin Gabriele Heinisch-Hosek und Sozialminister Rudolf Hundstorfer. Beide sprechen von einem Meilenstein. Doch wenn in diesem gesetzlichen Meilenstein festgeschrieben wurde, dass Arbeitnehmern, die Details aus dem Bericht veröffentlichen, eine Verwaltungsstrafe von maximal 360 Euro droht, Betriebe aber, die sich weigern, einen Bericht zu veröffentlichen, nicht bestraft werden, dann gibt dies eindrucksvoll Auskunft über die Tatsache, wie viele Meilensteine noch zurückzulegen sind, um den Punkt zu erreichen, der uns erlaubt, tatsächlich von Gleichbehandlung zu sprechen.

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