"Vorarlberger Nachrichten" Kommentar: "Blindes Vertrauen kann teuer kommen" (Von Kurt Horwitz)

Ausgabe vom 20.01.2011

Wien (OTS) - Zwei Betrugsprozesse, zwei Beschuldigte, und beide geben sich ahnungslos: Der frühere Libro-Chef Andre Rettberg konnte nach eigenen Angaben keine Bilanzen lesen und hat sich deshalb blindlings auf seinen Buchhalter verlassen. Der Finanzjongleur Wolfgang Auer-Welsbach - 13.000 Geschädigte, 400 Millionen Euro Schaden - fühlt sich von einem Prokuristen betrogen. Nur dadurch sei das System zusammengebrochen.

Ob die beiden im juristischen Sinn schuldig sind, werden die Gerichte in den nächsten Monaten zu klären haben. Bis dahin gilt, gleichfalls rein juristisch gesehen, für alle Beteiligten die Unschuldsvermutung.

Ganz und gar nicht gilt diese Unschuldsvermutung für die Finanzmarktaufsicht und die Aufsichtsräte, und sie gilt auch nicht uneingeschränkt für alle Geschädigten. Ginge es um Verkehrsunfälle, würde die Versicherung wohl zumindest Teilverschulden geltend machen:
Wer dem Versprechen eines Auer-Welsbach glaubt, risikolos 18 Prozent Ertrag erwarten zu dürfen, ist zumindest naiv.

Das gilt auch für jene Anleger, die Rettberg vertraut haben: Wer nicht bloß Spielgeld, sondern einen Großteil seiner Ersparnisse in einen Börsen-Neuling wie Libro investiert, muss sich des damit verbundenen Risikos bewusst sein. Daran ändert auch die Tatsache nichts, dass 22 Wirtschaftsjournalisten sich vom Verkäufer-Talent Rettbergs (und manche vielleicht auch von saftigen Inseratenaufträgen in ihren Blättern) blenden ließen und ihn in einer Umfrage des Nachrichtenmagazins "News" 1999 zum "Manager des Jahres" kürten.

Niemand würde ein Uralt-Auto erstehen, nur weil der Verkäufer treuherzig verspricht, dass es auf deutschen Autobahnen mühelos 220 Stundenkilometer läuft und dabei keine fünf Liter verbraucht. Einem Andre Rettberg und einem Wolfgang Auer-Welsbach hingegen haben auch sonst kluge und kritische Menschen blindlings vertraut.

Wie immer die Prozesse und Schadenersatzklagen gegen Finanzberater und staatliche Aufsicht auch ausgehen: Das Nachdenken über Risiken und Chancen einer Finanzinvestition (oder der Aufnahme eines Kredits) bleibt niemandem erspart. Wenn die Verfahren dazu beitragen, dass künftig das Hirn eingeschaltet wird, ehe Unterschriften geleistet werden, ist schon viel gewonnen.

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