"DER STANDARD"-Kommentar: "Koalition kapituliert vor sich selbst" von Lisa Nimmervoll

Denn sie wissen, was sie tun - und lassen Universitäten und Studierende im Stich. (Ausgabe vom 19.1.2011)

Wien (OTS) - Denn sie wissen nicht, was sie tun" heißt ein legendärer Film mit James Dean. Es geht um die verlorene Generation der 1950er-Jahre, eine Jugend ohne Zukunft, die sich gegen die Elterngeneration auflehnte. Sieht man die österreichische Hochschulpolitik an, muss man allmählich auch von einer verlorenen Generation sprechen. Zu einer solchen macht die Politik die Studierenden. Sie werden alleingelassen mit dem Wahnsinn, der sich -nicht nur, aber besonders in den Massenfächern - an den Unis auftut. "Denn sie wissen, was sie tun" - und sie tun es trotzdem, wäre demnach ein trefflicher Titel für den universitätspolitischen Film, der in Österreich seit Jahren läuft. Jüngstes Beispiel dafür ist die großkoalitionäre Kleintat zur Neuregelung des Uni-Zugangs. Da stellen sich die zwei Bildungsministerinnen, quasi die Trümmerfrauen der Innenpolitik, hin und verkaufen - wider besseres Wissen - wortreich eine Regelung, von der sie selbst sagen, dass sie die Probleme nicht löst, aber sie haben sich geeinigt! "Uni-Politik" 2011. Studierende, denen jetzt ja immer vorgehalten wird, sie wüssten nicht, was sie tun, denn nur so sei erklärbar, dass sich 60 Prozent der Anfänger in nur zehn Fächern zusammenrotten, sollen sich künftig, möglichst besser beraten, schon im Sommer für ein Studium oder mehrere - alles ist möglich, das ist ja das sozialdemokratische Credo vom gelobten Land der unbegrenzten Möglichkeiten mit "freiem Uni-Zugang" - an ihrer Wunsch-Uni "voranmelden". Auf Verdacht studieren sozusagen. Kurzfristige Absprungmöglichkeit inklusive. Das wird dann als bessere Planbarkeit für die Unis verkauft, weil sie die "Maximalbelastung" schon im August ablesen können. Das wird sie sicher freuen. Überraschen aber nicht. Sie kennen ihre "Massen"-Kandidaten zur Genüge. Das ist Placebo-Politik. Denn mehr Geld, mehr Professoren, mehr Lehrende wird es nicht geben.
Das "Lösungsangebot" der Regierung lautet: Ein Turbosemester mit nur noch einer Wiederholung pro Prüfung - und alles wird gut. Das ist vor allem zynisch. Denn es würde unterstellen, dass etwa an der WU Wien unter den neu inskribierten Studien_anfängern drei Viertel oder mehr eigentlich Unfähige sind, denn so viele müssten nach Runde eins rausfliegen, um das realistische und sinnvolle Kapazitätsangebot für Bachelor-Studienplätze zu erreichen. Wer nicht unfähig ist, wird dann eben unfähig "gemacht", indem die Prüfungen entsprechend gestaltet werden. Aber pssst, sagen Sie nie Knock-out-Prüfung dazu!
Die "Masse" an den Unis ist kein träger Studierendenstrom, der sich dort kollektiv einen Lenz machen will. Die meisten Drop-outs resultieren aus den katastrophalen Studienbedingungen. Diese Studienabbrecher flüchten vor dem System, nicht vor der eigenen Prüfungsunwilligkeit. Prüfungen sind an einer Uni selbstverständlich. Vor allem sind sie kein Selbstzweck. Diese Uni-Politik aber instrumentalisiert sie als Mittel zum Zweck. Und das ist schäbig. Den Studierenden gegenüber und auch den Lehrenden gegenüber.
Die brennenden Probleme der Universitäten werden mit dieser Novelle nicht gelöst. Das liegt nicht an den Ministerinnen Karl und Schmied. Sie können immer nur so weit gehen, wie ihre Parteien sie lassen. Das ist nicht weit genug. Im Bildungsbereich kommt zwischen SPÖ und ÖVP immer nur das allerkleinste Vielfache heraus. Mehr geht nicht. Sie geben das sogar zu. Damit aber hat diese Koalition vor sich selbst kapituliert.

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