Wiener Zeitung: Leitartikel von Reinhard Göweil: "Ohne Euro geht es nicht"

Ausgabe vom 19. Jänner 2011

Wien (OTS) - Dass die europäischen Finanzminister derzeit auf ganz cool machen, verdanken sie einer Erkenntnis, deren Ergründer noch unbekannt ist: Ohne Europa geht es nicht. Wenn "die Märkte" die Eurozone sturmreif schießen, schaden sie sich selber. Denn "die Märkte", das sind Banken, Versicherungen, private und staatliche Fonds. Die wollen mit dem kaufkräftigsten Wirtschaftsraum auch künftig Geschäfte machen. Sinkt in Europa die Wirtschaftsleistung, geht es mit der Weltkonjunktur abwärts.

Dass Chinas Präsident Hu Jintao gerade US-Präsident Barack Obama besucht, fällt zeitlich auch günstig. Der starke Mann aus Peking hat im Vorfeld des Staatsbesuchs die Hegemonialmacht des US-Dollar als "Produkt der Vergangenheit" bezeichnet. Ohne Euro wird es aber nicht gelingen, diese Vorherrschaft zu brechen. China hat also ein wirtschafts- und finanzpolitisches Interesse an einem stärkeren Europa. Auch Russlands Staatsfonds hat am Tag des EU-Finanzministertreffens bekannt gegeben, Euro-Anleihen zu kaufen. Statt die Märkte mit immer noch unvorstellbareren Summen für den Rettungsschirm zu beruhigen, versuchen die Finanzminister nun, sie mit ihrer eigenen - und unberechenbarsten - Waffe zu schlagen: der Psychologie. Das ist keine blöde Idee, denn die 27 EU-Länder zu einer offiziellen Verdoppelung des Euro-Schirms zu bewegen, wäre eh eine Sisyphos-Arbeit. Sollte das Kalkül fürs Erste aufgehen, bestünde aber die dringende Gefahr, dass die EU-Regierungen auf ihren eigenen Schmäh hereinfallen und meinen, es sei jetzt eh alles Ordnung.

Ist es aber nicht. Griechenland, Irland und Portugal werden eine Umschuldung benötigen, auf die Menschen dort warten noch viele magere Jahre. Die beste Lösung wären immer noch eine harmonisierte Wirtschaftspolitik in der EU und eine einheitliche Finanzierung der gesamten EU-Schuld (Stichwort: Eurobonds). Dies ist mit Psycho-Tricks nicht zu erreichen, dazu bedarf es eines deutlichen politischen Willens, der derzeit freilich nicht zu sehen ist. Die Regierungschefs sollten vor ihrem Gipfel im März viel mit den Bankern sprechen. Die haben in ihren "Preisen" für die Anleihen dieser Länder durchwegs schon einen Ausfall einkalkuliert, zwischen 20 und 30 Prozent. Denn die Banken wissen auch: Ohne Europa geht es nicht im internationalen Geschäft.

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