Wiener Zeitung: Leitartikel von Reinhard Göweil: "Industrieller Artenschutz"

Ausgabe vom 18. Jänner 2011

Wien (OTS) - Viele Experten - zuletzt Wifo-Chef Karl Aiginger -bezweifeln zu Recht, ob Griechenland, Irland und Portugal ihre Schulden ohne Nachlass jemals zurückzahlen werden können. Deren Schuldenquoten steigen, die Sparprogramme vernichten das Wirtschaftswachstum, reduzieren Steuereinnahmen.

Doch selbst wenn dies der Fall wäre, bleibt ein wesentlicher Punkt unbeantwortet: Wie schaut es mit der industriellen Substanz in Europa aus? Faktum ist, dass jene Länder, die über ausreichend Fabriken verfügen, in denen noch Waren hergestellt werden, bisher deutlich besser durch die Krise gekommen sind. Deutschland, Österreich, Polen - deren starke mittelständische Industrie und das dazugehörige Gewerbe sorgen für sinkende Arbeitslosigkeit und steigende Exportzahlen. In Griechenland gibt es Häfen, in Portugal eine schrumpfende Textilindustrie, in Irland kaputte Banken und ein zusammenbrechendes Baugewerbe.

Die EU wäre daher gut beraten, den end- und fruchtlosen Euro-Rettungsdebatten eine neue Dimension zu geben und sich dessen zu entsinnen, was an ihrem Beginn stand: Industriepolitik. Autoritäre Länder wie China tun sich da leichter: Sie geben sich einen Plan, richten Sonderwirtschaftszonen ein und verlagern eine Industriebranche nach der anderen in ihr Land. Europa hat schon recht, wenn in Bildung und Forschung investiert wird. Aber wo sollen gut ausgebildete und erfindungsreiche Entwickler arbeiten, wenn es keine Industrie geben würde, in denen sie ihre Leistungen gegen guten Lohn auch unter Beweis stellen können?

Immer mehr Länder Europas leiden unter der Ent-Industrialisierung, die Wohlstand reduziert und hartnäckige Arbeitslosigkeit befördert.

Der beste Schutz der Industrie ist ihre Wettbewerbsfähigkeit. Das ist richtig. Aber mittlerweile gibt es viele ungleiche Faktoren, wie den leichten Zugang zu Kredit- und Kapitalmärkten, soziale Mindeststandards und ökologische Auflagen. Wenn Europa im globalen Wettbewerb seine Industrie strategisch schützen will, wird es in Zukunft wohl auch Maßnahmen geben müssen, die jedem freien Marktwirtschaftler Schauer über den Rücken jagen: Zölle oder prohibitive Transportpreise auf hoher See. Die x-te Debatte um die Ausweitung des Euro-Rettungsschirms ist längst zu kleinkariert.

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