"Die Presse am Sonntag"-Leitartikel: Die arabische Welt wacht auf, von CHRISTIAN ULTSCH

"Die Presse am Sonntag"-Ausgabe vom 16.01.2011

Wien (OTS/Die Presse) - Der Umsturz in Tunesien dürfte die Kukident-Despoten zwischen Tripolis und Riad nervös machen. Die Lunte sozialer Proteste ist quer durch die Region gelegt, Europas Kuschelkurs nicht mehr adäquat.

Der 14. Jänner 2011 könnte in die Geschichte eingehen. Zum ersten Mal gelang es einer arabischen Protestbewegung, einen Diktator aus dem Amt zu jagen. Wer vor ein paar Wochen einen Umsturz in Tunesien vorhergesagt hätte, wäre als Träumer verlacht worden. Das nordafrikanische Land galt als das, was Diplomaten, Investoren und auch Touristen gerne einen "Hort der Stabilität" nennen. Fast 24 Jahre lang betrachtete Zine el-Abidine Ben Ali den Staat als sein Eigentum und unterdrückte dessen 10,5 Millionen Einwohner. Der Ex-Geheimdienstchef duldete keinen Widerspruch, er knebelte die Medien und unterjochte die Opposition.

Originell war sein korrupt-autoritäres Herrschaftsmodell nicht. Man findet es, mit Ausnahme des Libanon, in unterschiedlichen Graden der Härte und Unverschämtheit überall in der arabischen Welt. Umso nervöser wird es die alternden Kukident-Despoten zwischen Tripolis, Kairo und Riad machen, dass ein solches Regime binnen weniger Wochen wie eine Sandburg in sich zusammenbrechen kann. Noch ist nicht klar, ob am Ende der Umwälzungen in Tunesien tatsächlich Demokratie steht. Die alte Garde wird garantiert versuchen, ihre Wendeköpfe weiterhin in die Futtertröge der Macht zu stecken. Doch allzu viel werden sich Tunesiens Mutbürger, die sich den Sturz Ben Alis unter Einsatz ihres Lebens erkämpft haben, auch von den geschmeidigsten Apparatschiks nicht mehr gefallen lassen.

Das Zeichen ist gesetzt: Auch ein arabischer Despot kann stürzen. Es wäre nicht verwunderlich, wenn das tunesische Beispiel bald Nachahmer fände. Die Lunte für soziale Proteste zieht sich vom Maghreb quer durch den Nahen Osten. Und stets ist es eine ähnlich explosive Mischung: arbeitslose Jugendliche und auch immer mehr Akademiker, die sich ihre Zukunft nicht länger nehmen lassen wollen von unfähigen und raffgierigen Eliten. Die Zeit ist zu lange stillgestanden im arabischen Raum. Über Internet und Satellitenfernsehen hat die Jugend längst Anschluss gefunden an den Rest der Welt. Sie fordert nun auch für sich selbst ein besseres Leben ein. Warum sollte die arabische Welt die einzige Region bleiben, die zur weitgehenden Stagnation verdammt ist?

Der 08/15-Machterhaltungsschmäh der Potentaten, wonach sie leider, leider nicht mehr Demokratie gewähren können, weil sonst die bösen Islamisten ans Ruder kommen, zieht nicht mehr. Vor allem auch Europa sollte nicht länger auf dieses Märchen hereinfallen. 300 Millionen Euro hat die EU allein seit 2007 Ben Ali an Finanzhilfe zugesteckt. Der Geldregen war offenbar nicht ernsthaft an Bedingungen geknüpft, sonst hätten sich Ben Alis Polizeimaßnahmen vielleicht etwas zivilisierter ausgenommen.

Zu drei Viertel ist Tunesiens Wirtschaft von Europa abhängig. Dass die EU trotzdem schweigend hingwegsah über die Repression im Urlaubsland, war nicht nur schändlich, es war auch dumm. Der 14. Jänner muss auch für Europa einen Einschnitt bedeuten: Es kann keinen kuschenden Kuschelkurs mit Arabo-Autokraten mehr geben.

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