"Kleine Zeitung" Kommentar: "Warum soll man sich noch etwas merken?" (von Ernst Sittinger)

Ausgabe vom 14.01.2011

Graz (OTS) - Es war das erste Lebenszeichen der
heraufdräuenden Wissensgesellschaft, als 1768 in Edinburgh die erste Encyclopaedia Britannica erschien. Herausgegeben wurde das dreibändige Nachschlagewerk "by a society of Gentlemen in Scotland", wie man stolz vermerkte.

Heute gibt es die gedruckten Lexika mit Ledereinband immer noch, aber sie wirken wie ferne Boten einer versunkenen Welt. Das Internet im Allgemeinen und die Wissensplattform Wikipedia im Besonderen haben uns zu Fastfood-Faktenverarbeitern gemacht, die bildungsmäßig von der Hand in den Mund leben: Wenn wir etwas wissen wollen, saugen wir es "just in time" rasch aus dem Internet herunter.

Die Allzeit-Verfügbarkeit von Informationen hat unsere Denkmuster, unsere Bildungskultur und unser Wirtschaftsleben in atemberaubender Weise umgewälzt. In vielen Berufen, in denen Wissen eine Rolle spielt, ist allein durch das Internet die Produktivität sprunghaft gestiegen: Was man früher in Wochen herausfand, steht heute in Sekunden auf dem smartphone. Zu den begrüßenswerten Wirkungen der Internetrevolution gehören auch die enorme Demokratisierung des Wissens und seine Verbreitung bis in die hintersten Winkel des Planeten (oder bisweilen nur bis an die Firewalls von Diktaturen). Und die Technikkompetenz heutiger Schüler übertrifft kühnste Vorhersagen.

Es gibt also fraglos viele Gründe, sich über das Jubiläum "zehn Jahre Wikipedia" zu freuen. Man darf aber auch fragen, ob es Nebenwirkungen gibt, die nicht nur Arzt und Apotheker bekämpfen sollten. Denn der Clou liegt ja darin, dass sich eine über den Tagesbedarf hinaus reichende Vorratshaltung von Wissensbeständen scheinbar erübrigt. Wir haben in unseren Hirnen vorweggenommen, was die elektronischen Netzwerke unter dem Schlagwort "cloud computing" nachvollziehen:
Keine Festplatte hat mehr ein eigenes Archiv, weil ja eh alles Wissenswerte ständig im Universum herumschwirrt.

Es passiert zur Zeit nichts weniger Dramatisches, als dass die klassische Bildung schleichend ihren Eros verliert. Man kann es Jugendlichen nicht verübeln, wenn sie sich fragen, wozu sie sich noch etwas merken sollen. Nicht zuletzt erfahren die Kids ja täglich im Fernsehen, dass das "next Topmodel" nicht durch virtuose Weisheit besticht, sondern durch äußere Werte.

Bildung ist Seelennahrung wie Musik: Wenn niemand mehr ein Instrument spielt, wird offenbar, dass Youtube-Videos die Seele nicht berühren. Es liegt an uns, diesem Notfall vorzubeugen.****

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