"Die Presse" Leitartikel: Freiwillig helfen, inklusive Weihnachts- und Urlaubsgeld, von Franz Schellhorn

Ausgabe vom 14.01.2011

Wien (OTS) - Der Staat lässt sich freiwillige Sozialdiener 1300 Euro brutto im Monat kosten. Eine teure Angelegenheit. Und eine Bankrotterklärung der solidarischen Gesellschaft.

Wenn dieser Monat zu Ende ist, werden die Bewohner dieses Landes nicht um vier, sondern um sechs Wochen älter sein. Das klingt nicht berauschend, wer altert schließlich schon gerne noch schneller, als dies ohnehin der Fall ist? Zumal ganze Beauty-Schlachtereien rund um die Uhr im Einsatz sind, um den Alterungsprozess der Menschen in der industrialisierten Welt zu verzögern. Die pro Jahr um 180 Tage steigende Lebenserwartung ist aber "nur" ein statistischer Wert - und als solcher erfreulich. Allerdings nur für jene Menschen, die dieser Tage das Licht der Welt erblicken. Sie werden deutlich länger leben als wir, die Elterngeneration.

Der Haken an der Sache ist, dass mit der Lebenserwartung auch die Ansprüche steigen. Allein die Pflege der Alten wird dem Staat einiges aufzulösen geben. Sozialminister Rudolf Hundstorfer (SPÖ) hat allerdings schon ein neues Modell zur Lösung parat: Ein freiwilliger "Sozialdienst" soll den gemeinsam mit der Wehrpflicht wegfallenden Zivildienst ersetzen. Die jungen Menschen sollen dann auch nicht mehr in der Landwirtschaftskammer Kaffee kochen oder Radklammern an falsch geparkten Autos anbringen müssen, sondern ausschließlich im Gesundheits- und Sozialdienst eingesetzt werden. Dafür lässt der Staat dann auch 14-mal im Jahr flotte 1300 Euro brutto springen. Klingt doch gut.

Völlig schleierhaft bleibt, was genau am Vorschlag des Sozialministers ein "Modell" sein soll. Geschweige denn ein "neues". Das freiwillige Sozialjahr gibt es in Österreich schon lange. Es heißt auch genau so und steht Frauen und Männern ab der Volljährigkeit offen. Sie haben unter diesem Titel die Möglichkeit, sich der Gesellschaft für zwölf Monate anzubieten und sich dabei einen der zahlreichen Sozialberufe etwas genauer anzusehen. Etwa, indem sie sich um Menschen mit körperlicher und geistiger Beeinträchtigung kümmern, in Pflege- und Seniorenheimen arbeiten oder ihre Arbeitskraft Kindergärten, Sonderschulen und Jugendheimen zur Verfügung stellen.

Für diese Tätigkeiten gibt es aber keine 1300 Euro brutto im Monat. Sondern neben Unterkunft und Verpflegung gerade einmal ein besseres Taschengeld in der Höhe von 180 Euro plus 150 Euro Ersatzzahlung für die Familienbeihilfe. So etwas nennt sich dann auch völlig zu Recht "Freiwilliges soziales Jahr".

Unglücklicherweise können sich dafür aber nur ein paar hundert junge Menschen pro Jahr begeistern. Überraschend wenige in einem Land, das den sozialen Zusammenhalt und die Solidarität mit den Schwächeren gerne als Teil seiner nationalen Identität feiert. Natürlich nur, wenn die Arbeit von anderen erledigt wird. Etwa von billigen EU-Ausländern oder "verrückten" Inländern, die in ihrer Freizeit am liebsten mit dem Rettungswagen durch die Lande tingeln.

Diese Entsolidarisierung ist wiederum eine direkte Folge hoher Steuern und Sozialabgaben. Inklusive Arbeitgeberbeiträge behält der Staat von vielen Bürgern mehr als die Hälfte ihrer Einkommen ein. Das wirkt nicht nur belastend, sondern auch befreiend. Etwa von der moralischen Verpflichtung, seine Arbeitskraft den Schwächeren anzubieten. Schließlich hat man dafür ja schon ordentlich geblecht, weshalb die Bereitschaft, noch zusätzlich gratis im Altersheim auszuhelfen, eine höchst überschaubare ist.

Ganz anders als in den hartherzigen USA. Dort ist der karitative Einsatz vor allem für jene selbstverständlich, die es im beruflichen Leben geschafft haben.s Im solidarischen Österreich hingegen muss der Staat jungen Menschen offensichtlich 1300 Euro brutto im Monat hinblättern, damit sie mit Älteren reden oder Kranken das Essen servieren. Das sind etwas über als 100 Euro weniger als der laut Kollektivvertrag zu zahlende Lohn für reguläre Hilfskräfte in diesem Bereich. Fragt sich nur, warum der Staat die Stellen nicht gleich offiziell ausschreibt.

Mit einem "Freiwilligen Sozialdienst" an der Gesellschaft hat das also nicht das Geringste zu tun. Schon eher mit der bisher teuersten Variante, die Jugendarbeitslosigkeit in Österreich weiter zu verschleiern. In jedem Fall ist es eine Bankrotterklärung des solidarischen Systems. Auch, wenn sich Mitglieder der Regierung dafür feiern lassen.

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