WirtschaftsBlatt-Leitartikel : Noch nicht genug gebremst von Hans Weitmayr

Europa droht ein ziemlich übles Timing-Problem

Wien (OTS) - Die erste Reaktion ist verständlich: Ein Stirnrunzeln angesichts der neuen Weltbank-Daten, in denen von einem Abflauen des Weltwirtschaftswachstums ausgegangen wird. Sorge um eine mögliche Stagnation drängt sich auf. Die Zahlen, die nach einem Weltwirtschaftswachstum von 3,9 im vergangenen Jahr für heuer nur noch ein Plus von 3,3 Prozent in Aussicht stellen, scheinen dieses Anämie-Szenario zu bestätigen.

Das ist aber nur zum Teil so. Denn bei genauerer Lektüre wird schnell klar, dass paradoxerweise ein noch stärkeres Abbremsen der Weltwirtschaft durchaus wünschenswert wäre. Der aktuelle Zuwachs wird wie bislang von den Schwellenländern getragen. Einen wichtigen Faktor des Aufschwungs stellen aber die "kräftigen Kapitalzuflüsse" dar, die letzten Endes zu Blasenbildungen führen könnten. Das stellt - aus eurozentristischer Sicht - ein ziemlich übles Timing-Problem dar. An sich kann uns eine heiß laufende Wirtschaft in den Schwellenländern mit entsprechendem Importbedarf durchaus recht sein. Das Problem entsteht jedoch, wenn diese Blasen schneller platzen als es Europa schafft, wirtschaftlich auf nachhaltig eigenen Beinen zu stehen. Dass uns ein solcher Wettlauf gelingt, ist aber ausgeschlossen.

Blicken wir auf die Zyklen der jüngsten Vergangenheit, so kann man bei allfälligen Übertreibungen in Brasilien oder China froh sein, wenn man von Boom bis Bust fünf Jahre Zeit bekommt. Sollte es zu keiner Verlängerung des Schutzschildes kommen bzw. die Einführung eines Schutzschild-Automatismus verhindert werden, läuft dieser Mechanismus in rund zweieinhalb Jahren aus. Der Default Griechenlands ist dann als de facto unausweichlich zu sehen, es folgen die bereits bekannten Domino-Effekte und mitten in die Aufräumarbeiten durch ein ohnehin schon geschwächtes Europa würde die Schwellenland-Blase implodieren. Dann: Rezession.

Das muss und darf nicht so kommen. Brasilien hat bereits Restriktionen für ausländisches Kapital implementiert, China die Zinsen angehoben - mit unterschiedlichen Mitteln kämpfen die großen Schwellenländer also ohnehin schon gegen eine Überhitzung der eigenen Wirtschaft.

Trotzdem muss Europa das Seinige tun, um die Fragilität der eigenen Situation zu überwinden. Eine Automatisierung der Schutzmechanismen bei gleichtzeitig rigider fiskaler Aufsicht, auch eine Aufstockung des Schildes sind dabei erste Schritte. Danach wird an einem Entwurf für eine funktionstüchtige Euro-Wirtschaftsregierung kein Weg vorbei führen - vorausgesetzt, man meint es mit der Einheitswährung nach wie vor ernst.

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