WirtschaftsBlatt Leitartikel: Erkaufte Zeit muss jetzt genützt werden - von Hans Weitmayr

Ein wahrscheinliches ist einem sicheren Fiasko vorzuziehen

Wien (OTS) - Es war der für die Eurozone wahrscheinlich unvorteilhafteste Ausgang: Ja, Portugal konnte seine Bonds an den Mann bringen. Nein, überwältigend war die Resonanz auch angesichts der vorhandenen Risikoaufschläge tatsächlich nicht. Somit hat sich an Portugals prekärer Situation genau nichts geändert. Mit anderen Worten: Das Land bleibt, wie der Rest der Eurozone, im Visier der Finanzmärkte.

Was vor diesem Hintergrund besorgt stimmt, ist die Gelähmtheit, mit der die verantwortlichen Politiker dieser Krise gegenüberstehen, einer Krise, deren Verlauf jedem Beobachter - so eben nicht gegengesteuert wird - klar ersichtlich ist. Der Vollständigkeit halber sei dieses Szenario - auch wenn es an dieser Stelle bereits mehrfach umrissen wurde - kurz zusammengefasst: Demnach werden die Refinanzierungskosten für die Peripherieländer, die sich noch nicht unter dem Rettungsschirm befinden, weiter steigen.

Noch bevor die sieben Prozent an Rendite erreicht sind, wird Portugal unter die Fittiche des Rettungsfonds schlüpfen, dann ein Durchatmen -diesen Moment werden die Marktteilnehmer für einen kurzen Rundblick nützen, die Daten der restlichen Euro-Mitglieder durch ihre Excel-Sheets jagen und sich das nächstschwächste Opfer in der Herde herauspicken.
An dieser Stelle gibt es eine kleine Unsicherheit, ob zuerst Spanien oder Belgien an der Reihe ist - der Tipp an dieser Stelle: Belgien, weil kleiner.

Letztlich ist die Reihenfolge aber irrelevant, denn der Limes für den Euro liegt bei Italien. Bis dahin werden Euro-Länder mit einem diesjährigen Restrukturierungsbedarf von 587 Milliarden Euro den Schutz des 750 Milliarden schweren Euro-Schildes in Anspruch genommen haben.

Vor diesem Hintergrund ist es gar keine Frage, dass der Hilfsfonds aufgestockt werden muss - zumindest kurzfristig. Diskutieren wird man noch über den Faktor: Zwei, drei, vier...? Nur kann und darf das nicht einmal mittelfristig der einzige Lösungsansatz sein, den Europa als Ausweg anzubieten hat. Denn diese Multiplizierung ist nur ein Bluff, mit dem man sich ein wenig Zeit kauft, um den großen, den entscheidenden Schritt zu wagen. Welchen? Ganz egal. Es gibt genügend Vorschläge: Bekenntnisse zu Defaults, Zweiteilung der Währung, Rückführung der gestrandeten Volkswirtschaften in einen Euro-Wartekorridor etc.

Keine dieser Strategien verspricht Erfolg, manche führen wahrscheinlich in ein Fiasko. Aber wahrscheinlich in ein Fiasko zu schlittern ist immer noch besser, als es durch Nichtstun ganz sicher zu tun.

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