Freiwilliges Soziales Jahr: wichtige Ergänzung, kein Ersatz für Zivildienst

Wien (OTS) - Mit dem Ende der Wehrpflicht und damit des Zivildienstes würden jährlich plötzlich nicht nur 13.000 Zivildiener fehlen, auch die Zahl der Ehrenamtlichen würde deutlich sinken. Derzeit gibt es keine Alternativen zum Zivildienst. Das Freiwillige Soziale Jahr ist eine wichtige Ergänzung, stellt aber keinen adäquaten Ersatz dar. Wer wird die Mehrkosten im Gesundheitswesen tragen?

In der Diskussion rund um die Abschaffung der Wehrpflicht geraten die Themen Zivildienst und Ehrenamt häufig ins Hintertreffen. 2010 hat sich jeder dritte taugliche Stellungspflichtige für den Zivildienst entschieden. Die Gesamtzahl der Zivildienstleistenden hat sich in den vergangenen zehn Jahren von 6.300 auf 13.100 mehr als verdoppelt.

Weniger Zivildiener, weniger Ehrenamtliche

Zivildiener sind eine wichtige Stütze des Gesundheitswesens. Würde mit dem Ende der Wehrpflicht auch der Zivildienst fallen, müssten wesentlich mehr hauptberufliche Rettungssanitäter angestellt werden. Da der Großteil der Ehrenamtlichen auch aus den Reihen der ehemaligen Zivildiener kommt, ist auch hier ein dramatischer Einbruch zu befürchten. "Allein in Wien fanden mehr als die Hälfte der Ehrenamtlichen über den Zivildienst den Weg zu den Johannitern. Mit dem Ende des Zivildienstes wird - zumindest in den Städten - auch die Zahl der Ehrenamtlichen sinken", erklärt der Bundesgeschäftsführer Dr. Robert Brandstetter besorgt.

Wie eine Studie des Zentrums für Zukunftsstudien der FH-Salzburg kürzlich bestätigt hat, sind große Städte Schlusslichter beim Ehrenamt. Ihre Freiwilligenquote ist signifikant niedriger als jene in ländlichen Lebensräumen. Gerade für Ballungszentren wie Wien, Innsbruck oder Salzburg ist daher der Zugang zum Ehrenamt über den Zivildienst enorm wichtig, wenn ehrenamtliche Arbeit weiterhin einen hohen Stellenwert in der Gesellschaft haben soll.

Wer bezahlt das Defizit?

Schon jetzt sind die Tarife für Krankentransport und Rettungsdienst nicht kostendeckend. Ohne Zivildiener und Ehrenamtliche würde die Schere zwischen den tatsächlichen Kosten und den Vergütungen noch weiter auseinanderklaffen. Es stellt sich die Frage, wer diese Lücke füllen wird? "Mit dem ersatzlosen Streichen des Zivildienstes werden die Kosten eklatant steigen. In Zeiten fehlender budgetärer Mittel ist zu erwarten, dass in dünn besiedelten Gebieten oder in Randzeiten Krankentransporte und Rettungsdienste reduziert werden müssen. Umso wichtiger ist es jetzt schon alternative Konzepte zu erstellen", warnt Bundesgeschäftsführer Dr. Robert Brandstetter. Zu Recht wehren sich bereits die Länder, da sie von Zivildienern erbrachte Dienstleistungen praktisch zur Gänze in Länderkompetenz fallen und daher die Landes- und Gemeindebudgets mit enormen Zusatzkosten rechnen müssen.

Freiwilliges Soziales Jahr: Beispiel Deutschland

Als mögliche Alternative wird wie in Deutschland das Freiwillige Soziale Jahr diskutiert. Es stellt eine wichtige Ergänzung dar, die auch heute neben dem Zivildienst stärker gefördert und ausgebaut werden soll. Allerdings müsste man sich mit finanziellen Anreizen an ortsübliche Gehälter wenigstens annähern, wenn man die große Zahl der Zivildiener ersetzen will. So werden auch in Deutschland bereits Beträge bis 1.200 Euro als monatliche Förderung des Freiwilligen Sozialen Jahres genannt, damit der Ausfall von dort 90.000 Zivildienern ausgeglichen werden kann. Dies würde einen derart hohen finanziellen Einsatz notwendig machen, der das Freiwillige Soziale Jahr als Institution wohl kaum mehr sinnvoll erscheinen lässt.

Die Johanniter gehen davon aus, dass die derzeit kolportierte Monatsvergütung von 800 Euro brutto zu wenig Anreiz darstellt, um die notwendige Zahl von mehr als 13.000 Menschen zu einem freiwilligen Dienst zu motivieren und damit die fehlenden Zivildiener zu ersetzen. "Weder durch das Freiwillige Soziale Jahr noch durch den verstärkten Einsatz von Ehrenamtlichen könnte die entstandene Lücke an Zivildienern aufgefüllt werden. Daher sind die derzeit diskutierten Konzepte keine Alternative zum bestehenden System eines verpflichtenden Zivildienstes", warnt Dr. Robert Brandstetter. Die Johanniter sehen derzeit nur zwei mögliche Lösungsansätze: Der Ersatz durch hauptberufliche Arbeitskräfte, was einen Kostenanstieg im Gesundheitswesen verursachen wird, oder einen verpflichtenden Sozialdienst, falls dieser verfassungsrechtlich möglich ist. Er würde gewährleisten, dass junge Menschen soziale Aufgaben übernehmen sowie praktische Erfahrungen im Gesundheitswesen erwerben und damit weiterhin soziale Kompetenz in der Gesellschaft verankert bleibt.

Sorgfältige Analyse und Planung

Die Johanniter fordern, dass nicht der Fehler von Deutschland wiederholt wird, die Wehrpflicht ohne Lösung des Zivildienstersatzes auszusetzen oder abzuschaffen und bieten den politischen Verantwortlichen ihre Mithilfe und Beratung an. Eine Einladung zu einem runden Tisch, unter Einbindung aller relevanten Partner, um gemeinsam eine optimale Lösung zu finden, würden die Johanniter jedenfalls sehr begrüßen.

Die Johanniter-Unfall-Hilfe zählt derzeit mehr als 800 Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen, dazu zählen rund 200 Angestellte, 140 Zivildiener und 500 Ehrenamtliche. Sie leisten über 170.000 Einsätze jährlich im Rettungsdienst und Krankentransport sowie in der mobilen Gesundheits- und Krankenpflege. Rund 44.000 Förderer unterstützen die Arbeit der Johanniter und fördern mit ihren Beiträgen unter anderem den Katastrophenhilfsdienst, die Rettungshundegruppe sowie die Jugendarbeit. Die Johanniter-Unfall-Hilfe ist ein Werk des evangelischen Johanniterordens und Mitglied der Diakonie Österreich.

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