Leitartikel der Tiroler Tageszeitung von Michael Sprenger, Ausgabe vom 12. Jänner 2011: Abschied von der Volkskirche

Die massenhaften Austritte könnten auch eine Chance sein. Aber für eine andere Kirche. Die Kirche glaubte viel zu lange an die Kraft des Vertuschens und die Unantastbarkeit der Volkskirche.

Innsbruck (OTS) - Kardinal Christoph Schönborn hat in den vergangenen Wochen mehrmals Ingeborg Bachmann zitiert. So als bräuchte er eine Zeugin gegen das Vertuschen - gegen das Vertuschen in der Kirche, welches jahrelang gang und gäbe war. Natürlich hat der Kardinal Recht, wenn er uns sagt, "die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar". Doch er meint wohl nicht, dass es die Gläubigen waren, die man so lange vor der Wahrheit hat schützen müssen? Vielleicht hatte Schönborn bloß nicht den Mut zu sagen, dass auch der Kirche die Wahrheit zumutbar sei.

Natürlich weiß der Kardinal wohl bei sich, dass es im Nachhinein ein großer Fehler der Kirche war, nach dem Bekanntwerden des sexuellen Missbrauchsfalls seines Vorgängers Kardinal Hans Hermann Groer nicht jene offenen Worte gefunden zu haben, die Schönborn selbst 2010 in seinem bemerkenswerten Schuldbekenntnis aussprach. Doch damals, im Krisenjahr1995 fehlte der Kirche der Mut, offen über sexuellen Missbrauch zu sprechen - oder gar Gläubige aufzufordern, sich zu melden, sollte ihnen Ähnliches passiert sein wie dem ehemaligen Schüler Groers. Viele der Kirchenmänner glaubten damals noch an die Kraft des Vertuschens, an die Unantastbarkeit einer Volkskirche.

Doch die Volkskirche ist nicht mehr sakrosankt. Nicht erst seit der jüngsten Austrittswelle. Dies mag für die Amtskirche schmerzlich sein, auch finanziell, doch es könnte eine Chance sein, denn Kirche ist mehr als bloße Tradition. Der Abschied von der Volkskirche kann für Gläubige und Kirchenmänner den Blick auf die Seelsorge, auf das Karitative schärfen. In Zeiten wie diesen, in denen Scheinheiligkeit, Egoismus und Ausbeutung der Orientierungslosigkeit Vorschub leisten, kann es kein Nachteil sein, einen glaubwürdigen Gegenentwurf des Spirituellen als Anker zu haben.

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