Erdbeben in Haiti - Ein Jahr danach

Andreas Lexer, Hilfswerk Austria International Mitarbeiter vor Ort, zieht Bilanz

Wien (OTS) - Ein Jahr ist vergangen - und was für eines: Am 12. Jänner 2010, um vier Uhr nachmittags bebte die Erde unter der kleinen Insel Haiti. Vierzig Sekunden lang: Wer einmal ein Erdbeben erlebt hat, weiß, wie lange einem diese kurze Zeitspanne vorkommen kann. 300.000 Menschen sterben in nicht einmal einer Minute. Eineinhalb Millionen leben seither in Zelten in Lagern. Im Sommer fegt Hurrikan Tomas über Haiti hinweg und im Herbst beginnt die Cholera die Schwächsten dahinzuraffen.

Ich war nach dem Erdbeben hier, für zwei Monate und bin im Herbst zurückgekehrt und leite für Hilfswerk Austria International die Projekte vor Ort. In diesen Tagen wird viel Bilanz gezogen, meist von Medien, die ihre VertreterInnen nur für wenige Tage hierher entsenden. Ich lese Berichte über Korruption, über nie angekommene Hilfsgelder, über dieselben Zustände wie nach dem Beben. Auch ich möchte deswegen Bilanz ziehen und aus Sicht der Hilfsorganisationen erklären, was in den vergangenen zwölf Monaten passiert ist.

Es stimmt natürlich, wenn geschrieben wird, dass die Zusammenarbeit mit den Behörden sehr oft schwierig ist. Man stelle sich vor, eine derartige Katastrophe wäre in Österreich passiert. Auch für uns wäre es kein Leichtes, wenn plötzlich die halbe Welt über unser Land hereinfällt und uns bittet, unseren Charakter von Grund auf zu ändern. Wir in Europa sind ein anderes Tempo gewöhnt als die Menschen hier. Der Staat, die Behörden funktionieren ein wenig langsamer als wir es gewohnt sind. Sehr oft muss auch ich mein europäisches Naturell im Zaum halten um nicht zu verzweifeln. Aber wer in diesem Land westliche Geschwindigkeitsstandards anlegt hat schon verloren. Am Ende des Tages haben die Behörden und die Hilfsorganisationen das gleiche Ziel: Das Land wieder aufzubauen. Und das geht für uns nur in enger Zusammenarbeit mit der Regierung.

Immer wieder schreiben Medien über Korruption. Hilfsgelder, die in dunklen Kanälen versickern und niemals jene erreichen, die es dringend brauchen. Vielleicht hat es das gegeben. Ich wage sogar zu sagen: mit Sicherheit. Ich kann aber auch mit derselben Sicherheit sagen, dass die Gelder, die an Hilfswerk Austria International gespendet werden, Cent für Cent ankommen.

Ich mag dieses Land, ich mag die Herzlichkeit der Menschen. Aber ich kann auch JournalistInnen sehr gut verstehen, die hierher kommen und von Haiti erschlagen werden, mit seiner ganzen Wucht. Und ich will gar nichts beschönigen: Auf den ersten Blick ist es furchtbar: Es ist dreckig, es ist laut, man steht ständig im Stau, überall Trümmer von zusammengefallenen Häusern und Menschen, die, wenn sie miteinander diskutieren, jedes Techno-Konzert zuhause übertönen würden.

Aber wer länger hier ist, sieht auch die positiven Dinge, die im vergangenen Jahr passiert sind. Die Menschen leiden weniger Hunger als vor dem Erdbeben. Internationale Organisationen bringen Arbeit ins Land: Als eine der wenigen internationalen Organisationen arbeitet Hilfswerk Austria International etwa (mit meiner Ausnahme) nur mit hiesigen Kräften, ÄrztInnen, Krankenschwestern und Verwaltungspersonal und fördert so auch die Kaufkraft des Landes. Der Aufbau geht zwar schleppend, aber er kommt voran: Wir eröffnen in wenigen Tagen ein Krankenhaus, das mit den Geldern von Menschen aus Österreich und Deutschland gebaut worden ist. Und eine Schule, ebenfalls mit österreichischen Euros finanziert, ist bereits in Betrieb, die Kinder sitzen schon seit vor Weihnachten in neuen Klassenzimmern.

Die Cholera hat uns kalt erwischt. Sie galt in Haiti seit Langem als ausgerottet. Dass sie von Ausländern importiert wurde - damit haben wohl die wenigsten gerechnet. Und trotzdem haben wir, zusammen mit der haitianischen Regierung, schnell reagiert. Hilfswerk Austria International etwa betreibt mobile Kliniken in Port-au-Prince in mehreren Lagern und kümmert sich in erster Linie um die Prävention. Unser medizinisches Personal erklärt den Haitianern, wie sie sich verhalten sollen, worauf sie achten sollen, um sich vor der Cholera zu schützen. Und das mit Erfolg: Bis jetzt gibt es in den von uns betreuten Lagern nur einen einzigen Cholera-Fall - ein dreijähriges Mädchen, dem es schon wieder besser geht.

Meine Bilanz ist also durchaus positiv. Die Hilfsgelder kommen zu den Menschen in Haiti. Und es gibt Erfolge. Im Moment, ein Jahr nach dem großen Beben, muss man noch genau hinschauen, um sie zu erkennen. Aber sie werden mehr.

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Hilfswerk Austria International, Edith Hütthaler, Kommunikation
Tel.: 01/405 75 00-14, mailto: edith.huetthaler@hwa.or.at

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