"Die Presse" - Leitartikel: Die politische Massenkultur ist ohnehin nicht mehr zu retten, von Christian Ultsch

Ausgabe vom 11.01.2011

Wien (OTS) - Es schadet nie, über die Verrohung der politischen Kultur zu klagen. Doch ändern wird sich dadurch nichts, auch nicht nach dem Attentat auf eine US-Abgeordnete.

Jared Lee Loughner, der Mann, der vor einem Einkaufszentrum in Tucson der US-Kongressabgeordneten Gabrielle Giffords in den Kopf geschossen hat, ist allem Anschein nach ein Spinner. Wirrer als seine politische Welt ist nicht einmal die Wirklichkeit.
Bei dem Attentäter dürfte es sich um einen paranoid-eigenbrötlerischen nationalsozialistisch-kommunistischen Regierungshasser mit extremem Hang zur Gewalt handeln. Seiner Selbstdarstellungsseite auf MySpace zufolge hatte der 22-Jährige gleichermaßen ein Faible für Hitlers "Mein Kampf" und das "Kommunistische Manifest".
Mit einer Partie aber hatte der Mörder nichts zu tun: mit den Rechtspopulisten der "Tea Party". Trotzdem gerieten die republikanischen Rabauken nur wenige Stunden nach dem Attentat ins Schussfeld der Kritik. Ihre Gegner aus den Reihen der US-Demokraten von Präsident Obama ließen sich die Gelegenheit zur Abrechnung nicht entgehen. Im Basso continuo moralischer Entrüstung instrumentalisierten sie eilfertig die Tragödie, was auch nicht die feine Art ist.
Besonders ins Visier kam dabei die Galionsfigur der republikanischen Tea-Party-Bewegung: Sarah Palin hatte vor den letzten Kongresswahlen auf einer Internetgrafik den Bezirk des späteren Attentatsopfers Giffords mit einem Fadenkreuz versehen, um ihre Fans mit der stumpfsinnigen Schusswaffenmetapher anzutreiben, den Sprengel in Arizona zu erobern. Und der demokratische Senator Dick Durbin erinnerte sogleich an Palins martialischen Aufruf während der Debatten um die Gesundheitsreform: "Steck nicht zurück, lade nach." Dadurch, so der Vorwurf, hätten die Republikaner ein Klima des Hasses erzeugt, das Gewaltakte wie jenen in Arizona befördere.
Präsident Obama hielt sich nobel zurück, schwebte über den Parteien und sprach lediglich von einer "unsagbaren Tragödie". Doch seine Redenschreiber entwerfen vermutlich schon die ersten Absätze in seiner Rede zur Lage der Nation, in denen er mit gedämpfter Stimme des Massakers von Tucson gedenkt und zu nationaler Einheit aufruft. Für einen Moment sind die Republikaner in der Defensive. Doch dieser Augenblick der Katharsis und des Innehaltens wird nicht lange währen. Das hat zwei Gründe: Erstens kann auf Dauer seriöserweise kein kausaler Zusammenhang zwischen der Bluttat eines irren Einzelgängers und der Debattenkultur eines Landes hergestellt werden. Und zweitens werden mahnende Worte nichts an den Bedingungen ändern, die zur Verrohung der politischen Auseinandersetzung in den USA geführt haben. Es wird etwa weiterhin Medien wie "Fox News" geben, die ihr Geschäft mit dem schnellen persönlichen Untergriff und hysterischer Vereinfachung betreiben.
So sehr man sich's auch wünschen mag, das tabufreie Freistilringen, das sich als bestimmende (anti-)intellektuelle Kampfsportart in der Blogosphäre etabliert hat, wird sicher auch nicht fairer und milder werden. Facebook, Twitter, Postings und Blogs laden dazu ein, die Filter der Höflichkeit, des guten Geschmacks und der Reflexion ausgeschaltet zu lassen und unüberlegten Aggressionsschrott abzuladen.

In der knapp bemessenen Ökonomie der Aufmerksamkeit bringt der Tabubruch 100 Punkte und der Primitivspruch im Dieter-Bohlen-Stil auch noch ein paar Zerquetschte. Wer langatmig anfängt zu differenzieren, hat schon verloren, außer er ist ein Genie ernsthafter Komplexitätsreduktion, was, wie der Fall Obama zeigt, auch nur in der simplen Welt des Wahlkampfs durchzuhalten ist. Politik und Medien haben sich längst auf die Regeln der Unterhaltungsindustrie und der platten Polarisierung eingestellt. Anders kommt man nicht nach oben. Das System aber, das sich selbst reproduziert, führt immer tiefer nach unten.
Diesen Megatrend kann man kulturpessimistisch beklagen, aber nicht mehr umkehren. Es geht nur noch darum, kleine Nischen zu bewahren, in denen ein vernünftiger Diskurs möglich ist, der interessierte Bürger und Entscheidungsträger klüger macht. Wenn das auch nicht mehr möglich ist, wird es wirklich eng, denn dann verblöden auch die Eliten. Die politische Massenkultur aber ist nicht mehr zu retten.

Rückfragen & Kontakt:

chefvomdienst@diepresse.com

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | PPR0001