WirtschaftsBlatt-Leitartikel:Realismus statt blinder Euphorie - von Robert Lechner

Global denken hat Sinn,solange man Osteuropa nicht vergisst

Wien (OTS) - Ab in die BRIC-Staaten. Mehr als fünf Jahre nach Beginn des Trends, und getrieben von der Erfahrung des schweren wirtschaftlichen Einbruchs in Osteuropa, häufen sich hierzulande die Aufrufe nach mehr Engagement der österreichischen Wirtschaft in Brasilien, Russland, Indien und China. Wobei BRIC in den meisten Fällen auch gleich als Synonym für alle Emerging Markets in Übersee verwendet wird.

Der Stimmungswandel ist leicht mit Zahlen begründbar. China etwa hat gemäß jüngsten Außenhandelszahlen für Österreich längst die Rolle der USA übernommen, die zuvor als wichtigster außereuropäischer Handelspartner galten. Allein in den ersten drei Quartalen -aktuellere offizielle Zahlen liegen noch nicht vor - stiegen die Exporte nach China um fast 50 Prozent auf mehr als zwei Milliarden Euro. Das Plus ist dreimal so hoch wie der Durchschnitt über alle Ausfuhren. Die jährlichen Importe gehen bereits in Richtung vier bis fünf Milliarden. Gerade die wichtigen Player der heimischen Industrie wissen den positiven Trend zu nützen. Ob der Feuerfestkonzern RHI oder der Leiterplattenhersteller AT&S, sie haben zu Recht auf das Reich der Mitte gesetzt und damit Erfolgsstories geschrieben, die zum Nachahmen einladen.

Genau hier beginnt allerdings die Crux an der Sache. Den vielen positiven Beispielen stehen nämlich mindestens ebenso viele Einfahrer gegenüber. So hat etwa KTM gleichnamige Motorräder in China entdeckt, die nie ein KTM-Werk gesehen haben. Auch soll es in dem Land Skilifte mit dem Namen Doppelmayr geben, die mit dem Unternehmen aus Vorarlberg nichts zu tun haben. Gegen diese Fälschungen den Rechtsweg zu gehen, ist sinnlos. Während zwar Chinas Einfluss im Westen stärker wird, überwiegt umgekehrt letztlich die Methode "Anrennen lassen".

In den meisten Fällen muss das akzeptiert werden, um den potenziellen Milliardenmarkt nicht zu verlieren. Auf den ersten Blick einfacher muten Geschäfte in Mittel- und Südamerika an. Unternehmen, die es in der Region geschafft haben, wie Kapsch oder Andritz, berichten von teils hervorragenden Margen - bei exzellenter Zahlungsmoral. Umsonst ist das allerdings nicht zu haben. Vielen guten Deals geht ein jahrelanger Kampf um Aufmerksamkeit voran.

Trotz allem macht es unternehmerisch natürlich Sinn, sich global umzusehen. Die österreichische Wirtschaft sollte dabei aber nicht ihre hervorragende Stellung in Osteuropa vergessen. Dank EU-Integration kommt die Region in den kommenden Jahren nämlich viel stärker zurück als viele derzeit vermuten.

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