DER STANDARD-Kommentar "Die Saat des Hasses geht auf" von Christoph Prantner

Nach der Attacke von Arizona muss Amerika Gedanken und Worte abrüsten

Wien (OTS) - Es ist vieles unklar nach dem Blutbad von Tucson.
Die Faktenlage ist dünn, nur wenige Tatsachen scheinen gesichert:
Sechs Menschen sind tot. Die Kongressabgeordnete Gabrielle Giffords kämpfte am Sonntag weiterhin um ihr Leben. Jared Lee Loughner, der mutmaßliche Attentäter, ist festgenommen und verweigert den Behörden jede Auskunft mit Verweis auf den fünften Zusatzartikel zur US-Verfassung, der Bürger vor Machtmissbrauch der Regierung in Rechtsverfahren schützt. Über ein Motiv des als geistig verwirrt beschriebenen 22-Jährigen kann nur spekuliert werden.
Und das wird in der Tat ausgiebig getan. Obwohl noch völlig unbelegt ist, ob der Todesschütze einen politischen Hintergrund hat, wird die Tat gnadenlos politisiert: Linke, wie Paul Krugman in der New York Times, weisen den Rechten und deren Rhetorik die Verantwortung für die Bluttat zu. Rechte versteigen sich im Internet zur Behauptung, der Angriff sei eine Inszenierung der Demokraten gewesen, um der Tea Party-Bewegung in Washington die Spitze zu nehmen.
Zwischen solchen Polen bewegt sich der politische Diskurs in den Vereinigten Staaten in diesen Tagen _- mit oder ohne Attentat von Tucson. Dazwischen ist die Stimme der Vernunft kaum noch zu hören. Ihr Programm ist in den immer lauteren, immer schnelleren Sechs-Stunden-Nachrichtenzyklen der TV-Sender nicht vorgesehen.
Es ist nicht so, dass sich die Gegener in Washington stets mit Samthandschuhen angefasst hätten. Aber den gehässigen Ton zwischen den Parteien, die brutale, unbarmherzige Leidenschaft, mit der die politische Auseinandersetzung in den vergangenen Jahren geführt wurde, gab es schon lange nicht mehr. Wenn Arizona ein "Mekka des Hasses und der Bigotterie" ist, wie es der Sheriff von Pima County nach dem Attentat auf Giffords ausgedrückt hat, dann ist es Washington erst recht.
Kabelsender wie Fox News oder MSNBC beschießen die jeweilige ideologische Feindpartei mit hirnverbrannter Einseitigkeit. Karikaturisten müssen ihre Cartoons neuerdings mit einem blauen oder roten Markerl versehen, damit Chefredakteure bei der Auswahl der Zeichnungen nicht zufällig in die Verlegenheit geraten, auf einen falschen, sprich anderen Gedanken zu kommen. Und Sarah Palin, die schießwütige Gouvernante der Tea Party, lässt eine "Hitlist" von Abgeordneten erstellen, die bei der Midterm-Wahl "abgeschossen" werden sollten. Fadenkreize auf einer USA-Karte inklusive (in Arizona war übrigens Gabrielle Giffords darunter).
Wen kann es da wundern, dass diese Saat des Hasses hin und wieder auch aufgeht? Dass derangierte oder terroristisch veranlagte Charaktere zur Waffe greifen? Dass paranoide Burschen vom Land einen Truck voll Sprengstoff laden und damit Bundesgebäude in die Luft jagen wie einst in Oklahoma City?
Damals, 1995, hatte es Präsident Bill Clinton mit einem ähnlichen politischen Klima zu tun. Das Attentat war eine der Zäsuren in dessen Präsidentschaft. Die Attacke von Tucson ist eine solche in der Präsidentschaft Barack Obamas. Sie ist ein Mahnzeichen für den neugewählten Kongress in Washington, das zumindest von Politikern einen zivilisierten Umgang untereinander einfordert. Sollte die Attacke von Arizona so etwas wie einen Sinn gehabt haben, dann wohl nur diesen, den Amerikaner vor Augen zu führen, wie nötig eine Abrüstung in Worten und Gedanken ist.

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