Wiener Zeitung: Leitartikel von Reinhard Göweil: "Außer Kontrolle"

Ausgabe vom 7. Jänner 2011

Wien (OTS) - Die Agrarpreise auf den globalen Märkten steigen wieder einmal - beängstigend schnell. Die Weltbank ist alarmiert, warnt vor sozialen Unruhen in armen Ländern, deren Bewohner sich kaum noch mit Grundnahrungsmitteln wie Reis und Weizen versorgen können, weil sie zu teuer geworden sind.

Wieder einmal befindet sich die Welt in einem Teufelskreis aus schrankenlosen Märkten und ohnmächtiger Politik: Missernten in Russland, Kasachstan, Argentinien und Australien nähren die Angst vor Verknappung. Manche Länder wie Russland beantworten dies mit Exportrestriktionen und sorgen damit endgültig für Panik. Banken und Investmentfonds kaufen auf den Rohstoffbörsen große Mengen der Agrarprodukte; Großkonzerne wie der südkoreanische Daewoo kaufen in Afrika und Südamerika Ackerflächen in großem Stil.

Gleichzeitig werden in den reichen Industrieländern in Europa und Amerika Lebensmittel in großem Stil vernichtet. In den Großmärkten der Metropolen werden Fisch, Gemüse und Obst einfach weggeworfen. Oftmals nur deshalb, weil die Produkte ästhetischen Anforderungen nicht ganz entsprechen.

Es sind diese Ungleichgewichte, die immer mehr Menschen Unbehagen bereiten. Und es ist mit ein Grund, warum das Vertrauen in die Politik so gesunken ist. Es gibt genug Lebensmittel, aber die Verteilung funktioniert nicht. Die Weltbank fordert nun, dass die armen Länder der Welt Grundnahrungsmittel zu leistbaren Preisen erhalten sollen, und will eine Regelung der 20 mächtigsten Regierungschefs, der G20. Auch eine strenge Aufsicht über die Rohstoffbörsen wird eingemahnt.

Eine immer noch von der Finanzindustrie getriebene Marktwirtschaft, die den Hunger der Welt künstlich verschärft, hat ihren Sinn verloren. Eine gefährliche Melange, denn die Welt ist vollkommen vermessen. In manchen Ländern Südamerikas wird durch die Gefahr sozialer Unruhen das politische Risiko höher bewertet, diese Länder müssen sich nun teurer auf den Märkten finanzieren. Die von den Nahrungsmitteln ausgehende hohe Inflation bedroht Asiens Konjunktur. Beides zusammen ist Gift für die Wachstumsaussichten. Warum die Politik dem Treiben nach wie vor tatenlos zusieht, ist wohl nur mit Hilflosigkeit zu erklären. Und diese Hilflosigkeit ist Nährboden für radikale Entwicklungen, die niemand ernsthaft anstreben kann.

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