Leitartikel der Tiroler Tageszeitung von Irene Heisz Ausgabe vom 5. Jänner 2011, "Trauer-, Scham- und Gedenkarbeit"

Wenn wir Geschichte aufarbeiten, klären wir unser heutiges Verhältnis zur Unteilbarkeit von Menschwürde.

Wien (OTS) - Das ethische Fundament einer Gesellschaft erkennt man nicht daran, wie inbrünstig sie ihre Helden verehrt, wie kunstvoll die Lorbeerkränze der Mythen geflochten sind, die sich um die Starken, Schönen, Herausragenden ranken. Die Festigkeit der Grundmauern erkennt man am Umgang mit jenen, die in irgendeiner Weise nicht dem Idealtypus oder wenigstens der Norm entsprechen.

Körperlich und/oder geistig behinderte Menschen zählen zu den schwächsten Mitgliedern einer Gesellschaft. Dass sich die Österreicher und Deutschen während der Nazizeit auch diesen Menschen gegenüber in entsetzlicher Weise hervorgetan haben, ist bekannt; ein Teil der einschlägigen Geschichte des Psychiatrischen Krankenhauses Hall wurde bereits aufgearbeitet. Mit dem Fund eines Friedhofs, auf dem zwischen 1942 und 1945 220 Menschen begraben wurden, wird ein neues Kapitel aufgeschlagen. Es ist richtig, dass die Tilak viel Geld in die Hand nimmt und exzellente Fachleute mit der Arbeit betraut, die immer noch auch Trauer-, Scham- und Gedenkarbeit sein muss, weil die Vergangenheit unmittelbar in unsere Zeit und Weltsicht herein wirkt.

Diskussionen über Sterbehilfe sind vor dem Hintergrund des Euthanasieprogramms der Nazis zu führen; wer über den Einsatz teurer Medikamente und Therapien nicht nach medizinischer Bedürftigkeit, sondern der finanziellen oder sozialen Potenz eines Patienten entscheidet, urteilt automatisch über den Wert eines Lebens; wer sich im Glanz einer Erste-Welt-Arroganz gegenüber allem Fremden, Andersartigen sonnt, nährt sich von der Idee einer überlegenen Herrenrasse usw.

Unser gesellschaftlicher Konsens ist weit weg von der Ideologie, nicht normgerechtes Leben als "unwert" zu verdinglichen - aber noch lange nicht so weit, dass die Parameter der unteilbaren Menschenwürde nicht immer wieder zur Disposition stünden.

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