TIROLER TAGESZEITUNG "Leitartikel" vom 23. Dezember 2010 von Irene Heisz "Nächstenliebe ist ein sensibles Geschäft"

Wer als Treuhänder des Vertrauens von Spendern eigennützig handelt, schadet Menschen in Not.

Innsbruck (OTS) - Mag sein, dass die Verantwortlichen etlicher Tiroler Sozialhilfevereine einen Schadenfreude-Reflex nicht unterdrücken konnten, als Hanspeter Zobls eigenwillige Auslegung des Begriffs "Ehrenamt" ruchbar wurde. Nicht wenige fühlen sich von der monopolartigen Beziehung zwischen Land Tirol und Lebenshilfe übervorteilt. Beim zweiten Nachdenken jedoch müssen die Sorgenfalten auch bei Vertretern anderer Institutionen tiefer geworden sein. Österreich ist ein gut ausgebauter Sozialstaat. Den Großteil der sozialen Aufgaben, die das Gemeinwesen sich auferlegt, erfüllt jedoch subsidiär eine Vielzahl (privater) Einrichtungen, die bestenfalls teilweise durch die öffentliche Hand, also mit Steuergeld, finanziert werden. Die allermeisten sind dringend auch auf Spenden in Form von Geld, Dingen oder Arbeitskraft angewiesen.
Das Ehrenamt bildet daher einen Stützpfeiler der Zivilgesellschaft und ist eindeutig zu definieren: Wer sich ehrenamtlich engagiert, wird dafür mit Wertschätzung und einem Blumenstrauß oder einer Flasche Wein bei der Weihnachtsfeier entlohnt. Berufliche Fähigkeiten etc. in das Ehrenamt einzubringen, ist sinnvoll und naheliegend, aus dem Ehrenamt geschäftliche Vorteile zu ziehen, ist zumindest unanständig.
Der Mensch ist vielleicht nicht von Natur aus gut, aber zum Mitfühlen begabt. Und gerade zur Weihnachtszeit bezahlen wir gern für das unverdiente Glück, selbst gesunde Kinder zu haben, den Heiligen Abend nicht im Frauenhaus oder der Obdachlosen-Teestube verbringen zu müssen. Das Geschäft mit der Nächstenliebe ist jedoch sensibel, weil es ausschließlich auf das Vertrauen der Spender baut, dass ihr Geld sinnvoll verwendet wird. Wenn Treuhänder dieses Vertrauens ihre Position eigennützig missbrauchen, haben sie nicht nur ein Imageproblem. Sie bringen die gesamte Branche und damit Menschen in vielfältigsten Nöten in ernsthafte Schwierigkeiten.

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