Die Presse - Leitartikel: "Aus welchem Bildungssystem kommt eigentlich die Regierung", von Michael Fleischhacker

Ausgabe vom 18.12.2010

Wien (OTS) - Was würden Sie sagen, wenn der Installateur, der für eine Serie von Rohrbrüchen verantwortlich ist, zur Reform der Installateurausbildung schritte? Na eben.

Da die sogenannte Debatte über das österreichische Bildungssystem von dessen erfolgreichsten Absolventen geführt wird, gibt es im Grunde nur zwei Möglichkeiten: Entweder haben wir es mit einer Schimäre zu tun oder mit einem groß angelegten Selbstbezichtigungsritual. Beides kann ja schwer wahr sein.
Wenn die Bildungsalarmisten, die behaupten, dass die österreichischen Schulen und Hochschulen international nicht konkurrenzfähige Viertelgebildete produzieren, recht haben, dann haben wir ein echtes Problem. Was würden Sie, liebe Leserinnen und Leser, von einem Installateur halten, der ihnen zu einem vierteljährlichen Wasserrohrbruch verhilft und als Lösung des Problems vorschlagen würde, dass er, der Installateur, die Installateursausbildung, die ja offensichtlich nichts wert sei, einer grundlegenden Reform unterzöge? Es gilt aber im österreichischen Bildungssystem, was im Rest der Welt auch gilt: Es ist nicht so gut, wie wir hoffen, und es ist nicht so schlimm, wie wir befürchten. Man kann zwar der immer weiter verbreiteten Meinung, dass die Qualität des handelnden politischen Personals der überzeugendste Beweis für die Notwendigkeit einer grundlegenden Reform unseres Bildungssystems sei, argumentativ schwer beikommen.
Zumindest jenen, die sich in der Lage wähnen, die Qualität des handelnden politischen Personals kompetent zu beurteilen, muss es aber doch gelungen sein, dieses Bildungssystem ohne gröbere Schäden und unter Wahrung des eigenen Urteilsvermögens zu überstehen. Also:
Es ist möglich.
Woher kommt eigentlich der zunehmend aggressive, teils apokalyptische Ton in dieser Debatte? Er kommt daher, dass über einige wesentliche Befunde und Therapiemöglichkeiten buchstäblich jeder in diesem Land Bescheid weiß, ohne dass die Politik in der Lage wäre zu handeln. Außer einigen bildungspolitisch austherapierten Lehrergewerkschaftern weiß inzwischen jeder, dass ein wesentlicher Schlüssel zur Verbesserung der Qualität unserer Schulen ein größeres Maß an Autonomie ist. Ein Schuldirektor, der seiner Leitungsaufgabe gerecht werden soll, muss die Möglichkeiten haben, die jeder Miniabteilungsleiter einer Lebensmittelhandelsfiliale hat:
Mitarbeiter, die ihre Leistung nicht bringen, auszutauschen.
Aber es passiert nicht. Wer wo unterrichtet, wird weiterhin zwischen jenen beiden Institutionen ausgemacht, die den wesentlichsten Beitrag zur intellektuellen, ökonomischen und politischen Verzwergung dieses schönen Landes leisten: Landeshauptleuten und Lehrergewerkschaftern. Fände man effiziente Wege, die Bürger vor den Fürsorgeangriffen kampfgrinsender Landeshauptleute und vor dem Vertretungsterror bewegungseingeschränkter Lehrergewerkschafter zu bewahren, hätte man wirklich viel getan.

Viel anders sieht es auch an den Universitäten nicht aus: Man kennt die wichtigsten Fragen und die richtigen Antworten seit Langem. Solange der Staat nicht bereit ist festzustellen und zu argumentieren, wie viele Plätze in welchen Studienrichtungen er bei welcher Ausstattung bereit und in der Lage ist zu finanzieren, gibt es zum herrschenden Chaos keine Alternative. Ob und in welcher Höhe Studienbeiträge eingehoben werden, ist eine sekundäre Frage. Richtig eingesetzt, ermöglichen sie in Kombination mit intelligenten Stipendiensystemen die Art von Selektion, die wir brauchen: eine Selektion nach Leistung.
Solange nur diejenigen im System bleiben, deren Eltern den finanziellen Atem haben, ihren Kindern ein erzwungenes Bummelstudium an Österreichs Massen-Unis zu finanzieren, wirkt die SPÖ-Ideologie des "freien Hochschulzugangs" einfach nur skurril. Aber man muss ein ordentliches Bildungssystem durchlaufen haben, um das auch zu verstehen.
Vordergründig ist die emotionale Aufladung der Bildungsdebatte eine Folge des Ideologiestreits zwischen SPÖ und ÖVP. In Wahrheit macht sich immer deutlicher der Zorn einer breiten Mehrheit der Bürger bemerkbar, die erkennt, dass sie von diesem System deutlich mehr verstanden hat als jene, die für seine Gestaltung verantwortlich sind.

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