"KURIER"-Kommentar von Helmut Brandstätter: "Freiwillige sind wichtig, aber kein Politikersatz"

Dank an viele Österreicher. Sie erhalten mit ihrem Einsatz unser Sozialsystem.

Wien (OTS) - Wutbürger, das ist das Wort des Jahres in
Deutschland. In Österreich wurde der Begriff "fremdschämen" zum Wort des Jahres gekürt. Schließen wir daraus auf den politischen Zustand der beiden Länder.
Beim großen Nachbarn lassen sich die Leute nicht mehr alles gefallen. Wenn in Stuttgart ein riesiger Bahnhof entsteht, die Bürger aber Sinn und Zweck des Mega-Projekts nicht verstehen, dann wehren sie sich. Bürgerinitiativen werden aktiv, und zwar über die Parteigrenzen hinweg, Protestversammlungen verhindern den weiteren Ausbau, schließlich beginnt ein Mediationsverfahren, wo intensiv so lange über Details verhandelt wird, bis ein Schlichterspruch zumindest den Versuch einer vernünftigen Lösung unternimmt. So stellt man sich das Handeln des aufgeklärten Bürgers im besten Sinn vor - er mischt sich ein.
Wir in Österreich sind zwar über den Zustand der Politik besorgt, aber schämen uns nur still für die Repräsentanten, die in Wirklichkeit ja mehrheitlich von uns gewählt wurden. Der Weg vom Sudern zum Handeln ist für die meisten Österreicher zu weit und zu beschwerlich.
Aber Halt! So schlimm ist es auch wieder nicht. Wenn die Europäische Union das Jahr 2011 zum "Jahr der Freiwilligentätigkeit" ausgerufen hat, dann können wir stolz darauf sein, dass die Aktivitäten von Freiwilligen bei der Caritas, dem Roten Kreuz, bei der örtlichen Feuerwehr oder im Pflegedienst bei uns schon lange geübte Tradition sind. Oder, um es anders auszudrücken: Das soziale System Österreichs funktioniert nur, weil Hunderttausende Männer und Frauen unentgeltlich mithelfen, dass die Strukturen des Landes aufrechterhalten werden.
Dafür müssen wir uns bedanken - und darauf werden wir im kommenden Jahr öfters hinweisen.
Aber eines darf nicht passieren: dass sich der Staat darauf verlässt, dass die vielen Organisationen mit ihren fleißigen Mitarbeitern die ureigensten Pflichten des Staates übernehmen. Es ist ja gut, dass die Caritas für alle Hungrigen einen Teller heiße Suppe bereithält. Nur muss der Staat, der rekordverdächtig hohe Steuern einnimmt, dafür sorgen, dass jeder, der Anspruch auf Mindestsicherung hat, diese auch erhält.
Und die Parteien sollen Organisationen, die ein Volksbegehren zur Bildung planen, in Ruhe lassen. Wenn Hannes Androsch für bessere Bildung mobilisiert, dann ist dies ein Armutszeugnis für die Regierung.
Eine Regierung, die auf Volksbegehren wartet, schafft sich selbst ab. Jeder sollte seine Rolle in unserem Staat verstehen. Und einmischen ist besser als fremdschämen.

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