Französischer Analyst: 2011 hält knappe Weizenversorgung der EU an

Preistendenz weiter nach oben weisend - Preissprung am heimischen Kassamarkt

Wien (OTS/aiz) - "Die angespannte Situation der Bilanz zeigt, dass die gesamte europäische Preislandschaft noch ein Anstiegspotenzial hat." So kommentiert die am Donnerstag dieser Woche erschienene französische Getreidemarktanalyse "Strategie Grains" die knappe Versorgungslage in der EU mit Weizen im laufenden Wirtschaftsjahr 2010/11. Trotz einer prognostizierten 7%igen Zunahme der Weizenernte 2011 in der EU auf 136,5 Mio. t werde sich auch im Wirtschaftsjahr 2011/12 nichts an der prekären Situation ändern, dass sich die Endbestände nicht auf ein Ausmaß für einen reibungslosen Anschluss an die nächstfolgende Ernte erholen könnten. Daher erwartet Strategie Grains, dass die Weizenpreise der kommenden Ernte 2011, die zurzeit noch rund EUR 30,- pro t unter jenen der aktuellen Ernte 2010 liegen, in Richtung des aktuellen Preisniveaus ansteigen werden. In Österreich vollzogen die Kassamarktnotierungen für Weizen am Mittwoch dieser Woche an der Wiener Produktenbörse die Rallye an den internationalen Terminbörsen während der vergangenen 14 Tage nach und machten gewaltige Preissprünge zwischen EUR 19,- und 24,50 pro t beziehungsweise fast 11% nach oben.

An den internationalen Warenterminbörsen kam es diese Woche in den USA zu Gewinnmitnahmen und trotz anhaltend bullisher fundamentaler Marktdaten zu Kursverlusten, wobei der Sojakomplex wegen tatsächlich schwächerer US-Exporte nach China einen Dämpfer bekam. Die US-Entwicklung drückte letztlich auch auf die Notierungen an der Euronext in Paris. "Einiger spekulativer Kapitaleinsatz wird bis Jahresende aus dem Markt abgezogen, aber die Auswirkung wird gering sein, weil die fundamentalen Marktdaten weiterhin die selben bleiben", kommentierte ein Pariser Futureshändler laut Reuters. Tatsächlich steigen auch auf den Kassamärkten die Preise weiterhin aus Angst vor der knappen Versorgung. So zogen die Weizenpreise für physisch gehandelte Ware in Italien, einem wichtigen Exportmarkt für österreichischen Aufmischweizen, diese Woche um weitere EUR 12,- bis 15,- pro t an.

Preissprung bei Weizen und Raps in Österreich

Premiumweizen notiert an der Börse für landwirtschaftliche Produkte in Wien nunmehr bei EUR 268,- pro t, Qualitätsweizen bei EUR 257,- pro t und Mahlweizen bei EUR 251,- pro t. Preissprünge von bis zu EUR 24,50 pro t wie beim Mahlweizen oder von EUR 20,- beim Premiumweizen beziehungsweise EUR 19,- beim Qualitätsweizen sind an der Wiener Produktenbörse äußerst selten. In der Branche wird aber darauf hingewiesen, dass in der Vorwoche die Notierungssitzung wegen des Feiertages ausgefallen war und während des nunmehr 14-tägigen Beobachtungszeitraumes auch die Notierungen an den internationalen Warenterminbörsen wie an der Euronext in Paris in die Höhe geschossen wären.

Bemerkenswert sei weiters, dass so knapp vor Weihnachten noch immer Nachfrage nach Brotweizen herrsche und - wenn auch nicht kontinuierlich, aber doch fallweise - immer wieder Abschlüsse getätigt werden. Mit den punktuellen Abschlüssen über einen Zeitraum von zwei Wochen mit einer starken Veränderung des internationalen Preisniveaus erklären Beobachter auch das "Zusammenschieben" der Preisbänder, wobei etwa der Mahlweizen mit seiner oberen Notierung die untere von Qualitätsweizen übertrifft.

Nicht profitieren konnte von der Preishausse Mahlroggen, dessen Notierung bei EUR 237,- pro t nicht vom Fleck kam und nunmehr deutlich hinter die neuen Weizenkurse zurückgefallen ist. Dies liege daran, dass immer wieder punktuell ins Land gelangende ausländische Roggenpartien den Preisvorstellungen heimischer Anbieter einen Deckel aufsetzten.

Ähnlich Futtermais, der erstmalig in dieser Saison in Wien notiert. Die EUR 201,- pro t Großhandelsabgabepreis seien im Vergleich zu den zuvor bezahlten Nassmaispreisen eher enttäuschend, entsprächen aber dem, was für Importmais bezahlt wird. Auf schwindelerregende Höhen katapultierte sich die Wiener Rapsnotierung mit einem Plus von EUR 25,- pro t auf EUR 445,- pro t. Der Raps holte damit zur Sonnenblumennotierung auf, die diesmal mangels neuer Geschäfte auf "nominell" gesetzt wurde. Dies hat offensichtlich seine Ursache darin, dass auf dem äußerst hektischen inländischen Ölsaatenmarkt die Verkäufer aus Verunsicherung, ob sie den richtigen Verkaufszeitpunkt und damit optimalen Erlös erwischen, noch zurückhaltender werden und sich die Knappheit an Angebot dadurch weiter verschärft.

Strategie Grains: Die Bilanz der EU bleibt defizitär - Situation weiter preistreibend

Unter diesem Titel beschreibt die Dezember-Ausgabe des angesehenen französischen Analysten "Tallage agri-market forecasting" die Lage auf dem Weizenmarkt der EU in der laufenden Saison 2010/11. Gegenüber der November-Prognose reduziert die Analyse die Weizenproduktion der EU im heurigen Jahr 2010 um nochmals 700.000 t auf 127,4 Mio. t (2009: 129,2 Mio. t) und den Import um 600.000 t auf 2,8 Mio. t, während die Weizenexporte der EU mit 19,7 Mio. t nur um 100.000 t geringer angesetzt werden als vor einem Monat. Den weiteren Rückgang der Weizenproduktion begründet man mit den schlechter als erwarteten endgültigen Erntedaten Nordeuropas und die Abnahme der Importe mit dem Ausfall der Schwarzmeerregion als Billig-Lieferant und die Verteuerung von Qualitätsweizen aus USA, Kanada und Australien - bei letzterem wegen der schlechten Ernteaussichten.

Ein um 500.000 t niedriger angesetzter Binnenverbrauch - vor allem in der Verfütterung wegen der gegenüber Mais und Gerste weniger wettbewerbsfähigen Weizenpreise - kann das kleiner gewordene Angebot in der Bilanz aber nicht kompensieren. Damit weitet sich bei Endbeständen von 8,2 Mio. t Weizen nach Abschluss der Saison 2010/11 der Fehlbestand zur Erreichung des sogenannten Arbeitsbestandes von 10,6 Mio. t im Monatsabstand von 2,2 Mio. auf 2,4 Mio. t aus. Als Arbeitsbestand definiert Strategie Grains die Differenz des Endbestandes am freien Markt zum unbedingt erforderlichen Mindestlagerbestand, der notwendig ist, um die Übergangsperiode bis zur Folgeernte überbrücken zu können.

Tiefer im Rot als noch im November sieht Strategie Grains auch die Gersten- und Maisbilanzen der EU 2010/11: Eine um 300.000 t höher geschätzte Verfütterung reduziert demnach bei etwas höherer Ernteschätzung den Endbestand um 100.000 t auf 8,2 Mio. t und halbiert den gerade noch positiven Arbeitsbestand auf 400.000 t. Allerdings wäre die Gerstenbilanz eindeutig negativ, hätte die EU im laufenden Wirtschaftsjahr nicht noch 2,7 Mio. t Interventionsbestände an Gerste, die den Markt jetzt halbwegs ausgleichen können. Nächstes Jahr wird dies nicht gehen - denn die EU hat die Gerstenintervention ja bekanntlich abgeschafft. Beim Mais reduziert der französische Analyst die Endbestände nach 2010/11 im Monatsabstand von 4,3 auf 3,5 Mio. t, womit der mit einem Defizit von 100.000 t zuvor knapp negativ geschätzte Arbeitsbestand auf ein Minus von 1 Mio. t ins Rote rutscht. Auch bei Mais verschlechtert ein höher geschätzter Verbrauch in der Verfütterung als Folge des hohen Weizenpreises die Bilanz, zudem bleibt die Ernte mit 54,7 Mio. t hinter der Erwartung vom November von noch 55,1 Mio. t zurück.

Weizen: Binnennachfrage oder Exporte müssen rationiert werden

Strategie Grains zieht für den Weizenmarkt der EU 2010/11 die Schlussfolgerung: "Das bedeutet, dass die Binnennachfrage oder die Exporte noch rationiert werden müssen." Obwohl die europäischen Weizenpreise zuletzt massiv angestiegen seien, europäischer Weizen sei aber am Weltmarkt wegen des gesunkenen Euro-Kurses gegenüber in Dollar verrechnetem US-Weizen noch immer attraktiv. Der Weltmarkt sei 2010/11 stark abhängig von den auf 35 Mio. t geschätzten Exporten aus den noch bestehenden Weizenreserven der USA. Um die Nachfrage des Weltmarkts befriedigen zu können, müssten die Preise für US-amerikanischen Weizen attraktiv bleiben, während aber die Kurse auf den Terminmärkten die US-Farmer eher anregten, ihre Ware zurückzuhalten, als sie auf den Markt zu bringen.

Dies lasse vermuten, so die Analyse, dass die notwendige Rationierung der Weizennachfrage in und aus Europa "nur durch eine neue Erhöhung der europäischen Preise" erreicht werden könne und nicht durch den Rückgang der US-Preise. "Unsere Analyse bleibt daher für die europäischen Weizen derzeit preistreibend."

Aussicht bleibt "preistreibend": EU-Bestände reichen auch 2011/12 trotz größerer Ernte nicht

In einer hypothetischen Weichweizenbilanz der EU-27 für 2011/12 stellt Strategie Grains schließlich dar, dass auch die - mit allen noch heraufkommenden Unsicherheiten des weiteren Witterungsverlaufs -möglicherweise um 7% größer als heuer ausfallen könnende Weizenernte der EU 2011 nicht ausreichen wird, die Endbestände so wieder aufzupäppeln, dass ein unproblematischer Anschluss an die Ernte 2012 gefunden werden kann. Bei weiterhin regem Export und mehr Importen (4,1 Mio. t nach 2,8 Mio. t) rechnen die Analysten 2011/12 aber vor allem mit einer 4,5%igen Steigerung des Binnenmarktverbrauches auf 120,8 Mio. t.

Demnach soll der Endbestand nach 2011/12 zwar von 8,2 Mio. t auf 9 Mio. t anwachsen. Doch auch damit sei der notwendige Arbeitsbestand von 11,7 Mio. t nicht zu erreichen und es bleibe ein Defizit von 2,1 Mio. t, das um lediglich 300.000 t geringer als 2010/11 ausfalle.

Somit erwartet die Analyse, dass sich in der EU die noch bestehenden Preisunterschiede zwischen alter Weizenernte 2010 und neuer Ernte 2001 noch verringern werden, indem die Preise der neuen Ernte ansteigen werden.
(Schluss) pos/mö/pom

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