• 15.12.2010, 19:51:13
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"Kleine Zeitung" Kommentar "Ein korrupter Premier ist das etwas kleinere Übel" (Von Norbert Mappes-Niediek)

Ausgabe vom 16.12.2010

Graz (OTS) - Was für ein Zufall: Kaum ist die Wahl vorbei,
ergießt sich die Büchse der Pandora über Kosovos Wahlsieger,
Regierungschef Hashim Thaci. Die europäische Rechtsstaatsmission
Eulex lässt zwei prominente Veteranen verhaften, die dem Premier
nahestehen, und der Sonderberichterstatter des Europarats
veröffentlicht einen unerhörten Bericht über den starken Mann des
Kosovo, der als Obermafioso einen schwunghaften Organhandel betrieben
haben soll.

Wenigstens im Falle der Eulex-Ermittlungen ist klar, wer die Regie
über das merkwürdige Timing in der Hand hat: die "Quint", wie die
Botschafter der USA, Großbritanniens, Frankreichs, Italiens und
Deutschlands im Kosovo genannt werden. Die heimlichen Herren des
"unabhängigen" Staates folgen einer eigenen Logik. Sie wissen, dass
sie es bei der herrschenden Partei im Lande mit höchst fragwürdigen
Figuren zu tun haben. Aber sie wollen sie nicht loswerden, sondern
nur in Schach halten. Über Hashim Thaci kursieren seit mehr als zehn
Jahren die schlimmsten Gerüchte. Ein Bericht des deutschen
Bundesnachrichtendienstes präsentiert den Parteichef als "Kopf der
Mafia". Aber in zehn Jahren hat niemand die Vorwürfe gegen Thaci
gründlich untersucht. Und das, obwohl erst die UNO und jetzt Brüssel
in der Justiz alle Fäden in der Hand halten.

Doch nicht einmal die massiven Anschuldigungen des
Europarat-Sonderberichterstatters Dick Marty müssen Thaci den Kopf
kosten. Denn eine kriminalistische Untersuchung ersetzt der Bericht
nicht und auch belastbare Beweise präsentiert er keine.

Dahinter steht ein Muster, das der frühere Kosovo-Sondergesandte
Sören Jessen-Petersen eingeführt hat. Er machte mit dem einstigen
Rebellenführer Ramush Haradinaj einen Mann zum Regierungschef, den er
auf einen Wink hin ins Gefängnis nach Den Haag befördern hätte
können. Beide ergänzten einander vortrefflich: Der eine nutzte seine
informelle Macht, um die Anweisungen des anderen in die Wirklichkeit
umzusetzen. Sich gefällige, erpressbare Figuren heranzuzüchten ist
allemal leichter, als funktionierende Institutionen aufzubauen.

Das Muster ist ein koloniales. Aber für das Kosovo sollte eigentlich
ein anderes zur Anwendung kommen: das demokratische. Aber dieses
Risiko wollen die Westmächte im Kosovo nicht wirklich tragen. Das
Schicksal der einstigen Kolonien, die am Ende dann doch korrupten
Cliquen in die Hände fielen, schreckt ab.****

Rückfragehinweis:
Kleine Zeitung, Redaktionssekretariat, Tel.: 0316/875-4032, 4033, 4035, 4047, mailto:redaktion@kleinezeitung.at, http://www.kleinezeitung.at

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