"Kleine Zeitung" Kommentar: "Verspätete Königsidee mit Schwachstellen" (von Wolfgang Simonitsch)

Ausgabe vom 10.12.2010

Graz (OTS) - Wir sind ja so etwas von nicht verwöhnt, wenn es
um Reformen geht: Betonköpfe und ideologisch gesteuerte Blockierer, so weit das Auge reicht. Deshalb darf man heute getrost einen echten Fortschritt bejubeln. Die Regierenden haben sich zusammengerauft und (wegen des Arbeitskräftemangels) eine Rot-Weiß-Rot-Card erschaffen. Sie stellt die Zuwanderung auf rationale Beine. Ab Juli 2011 gelten keine Quoten mehr für Leute aus EU-Drittstaaten, die kommen dürfen. Jetzt wird der Versuch gestartet, exakt jene Leute zu holen, die gewollt, gebraucht werden.

Ältere Semester werden sich erinnern: Darüber wurde jahrzehntelang zwar eifrig, mitunter erbittert, aber letztlich erfolglos debattiert. Den Freunden geregelter Zuwanderung schwebte stets Kanada als Ideal vor Augen. Weil sich die Kanadier seit jeher den Luxus leisten, ihrer Zuwanderer nach Bedarf auszusieben. Dieses Beispiel hat auch in anderen Staaten längst Schule gemacht. Mit jahrzehntelanger Verspätung versucht sich auch Österreich in dieser Disziplin - deren Erfolg in den Sternen steht.

Ist es nicht schon zu spät, im überhitzten Wettbewerb vieler Staaten um die besten Köpfe mitmischen zu wollen? Ist unser Land ausreichend attraktiv, um sich wenigstens ein Scheibchen abschneiden zu können? Wird die weit verbreitete Fremdenfeindlichkeit nicht zu viele Ausländer abschrecken?

Spezielle Erfahrungen in Deutschland waren nicht wirklich ermunternd. Dort hat die Not an Informationstechnikern vor zehn Jahren die Königsidee reifen lassen, einschlägig Bewanderte mit einer auf fünf Jahre befristeten Greencard ins Land zu holen. Insgesamt sollen 18.000 gekommen - und bald wieder ausgereist sein. Die meisten deswegen, weil ihnen die Befristung der Aufenthaltserlaubnis auf ein paar Jahre zu wenig Perspektive geboten hat.

Deshalb wird sich auch bei uns rasch die Frage stellen: Ist Österreich ehrlicherweise, wegen schrumpfender Bevölkerung nicht Einwanderungsland? Politiker reden jetzt wieder bewusst von Zuwanderung. Es sollte Einwanderung heißen.

Falls nicht bloß bei verängstigten Einheimischen die Illusion genährt werden soll, toll Ausgebildete würden ihre besten Jahre in Österreich arbeiten wollen und sich dann wieder in Länder verziehen, die sie davor wegen zu geringer Aussichten auf Wohlstand verlassen haben.

Österreich buhlt nicht allein um Hochqualifizierte. Doch denen sollte man nicht, wie geplant, einen Hürdenlauf zur möglichen Einbürgerung mit höchst unsicherem Ausgang zumuten. Sonst kommen sie erst gar nicht.****

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