Die Presse - Leitartikel: "Die PISA-Katastrophe als Chance für das Schulsystem", von Nobert Rief

Ausgabe vom 09.12.2010

Wien (OTS) - Statt über Sinn und Unsinn der Gesamtschule zu diskutieren, sollte die Politik die PISA-Ergebnisse für eine grundlegende Bildungsreform nützen.

Man hätte wetten können, dass die politische Diskussion nach dem verheerenden Abschneiden österreichischer Schüler bei der PISA-Studie so verläuft, wie sie verläuft: Die ÖVP ist schuld, die SPÖ, Ex-Unterrichtsministerin Elisabeth Gehrer, die aktuelle Ministerin Claudia Schmied; der Umstand, dass wir keine Gesamtschule haben, oder die mangelnde Elitenförderung; der Aufruf zum Boykott, das Problem, dass sich die Schüler beim Test nicht besonders angestrengt hätten, das Wetter, die Hitze, die Kälte oder die Schulmilch.
Diese Debatte ist so peinlich wie das PISA-Ergebnis. Österreichs Schüler sind sowohl beim Leseverständnis als auch bei den Naturwissenschaften und der Mathematik dramatisch abgestürzt. Selbst die USA, die hierzulande ja als Zuchtstätte Halbdebiler gelten, liegen vor Österreich.
Die Konsequenz aus PISA kann keine Systemdiskussion sein, wie sie die SPÖ jetzt wieder führen will. Die vollmundige Ansage von Bundeskanzler Werner Faymann, man werde nun "mit vollem Druck" die Gesamtschule verfolgen, ist eine gefährliche Drohung. Fakt ist, dass es begabte und weniger begabte Schüler gibt und man mit einer gemeinsamen Schule für alle das Bildungsniveau zwangsläufig nach unten nivelliert.
Eine Gesamtschule kann nur funktionieren, wenn man verschiedene Leistungsgruppen einführt. Bis zur Abschaffung dieser Gruppen in Wien war ja die Hauptschule der einzig differenzierte Schultyp. Danach wurde sie in der Bundeshauptstadt zur sozialen Sonderschule und das Gymnasium zur undifferenzierte Gesamtschule für den Rest.
Würde die Politik die Studie nicht dazu nützen, ideologische Schulmodelle zu propagieren, wäre die Diskussion eine andere. Es geht schließlich um die Zukunft des Landes. Begabtenförderung darf kein Schimpfwort sein, sie ist eine Notwendigkeit, will man im globalen Wettbewerb bestehen. Man muss sich nur ansehen, wie asiatische Staaten bei PISA abschneiden. Dort kommen die Wissenschaftler von morgen her, und wenn wir nicht schnell etwas tun, werden wir irgendwann ihre T-Shirts fertigen.
Die Herausforderungen bewältigt man nicht mit einer Gesamtschule oder mit einer Verländerung der Lehrerverwaltung. Ansetzen muss man bei jenen, die unseren Kindern Lesen, Schreiben, Rechnen beibringen. Ansetzen muss man bei den Lehrern.
Die Politik hat in den vergangenen Jahren alles getan, um diese Berufsgruppe nachhaltig schlechtzumachen: mit unüberlegten Diskussionen über die Arbeitszeit, mit jährlichen populistischen Debatten über die langen Sommerferien und mit völlig inakzeptablen Arbeitsbedingungen. Die meisten Lehrer haben keinen eigenen Schreibtisch, sie müssen sich Computer mit einem Dutzend Kollegen teilen und verdienen in den ersten Arbeitsjahren weniger als Straßenkehrer. Eigentlich sollte uns die Bildung unserer Kinder mehr wert sein als eine saubere Stadt.

Da darf es nicht überraschen, wenn wir in einigen Jahren einen massiven Mangel an qualifizierten Lehrpersonen haben werden. Die Reform der Lehrerausbildung, die zu mehr Qualität in der Schule führen soll, ist ein richtiger Schritt. Er wird allerdings konterkariert werden von der Notwendigkeit, jemanden zu finden, der noch bereit ist, sich in eine Klasse zu stellen.
Nachdenken muss man auch über Anreizsysteme. In keinem anderen Beruf wird Leistung derart ignoriert. Ein Lehrer hat außer der Selbstbestätigung keine Motivation, auch nur einen Deut mehr zu tun als im Stundenplan vorgeschrieben. Am Ende ist da immer noch schützend die mächtige Lehrergewerkschaft, die verhindert, dass man unfähige Personen, wie in jedem anderen Beruf, auf die Straße setzt. Zufriedene, motivierte Lehrer werden am Ende zu zufriedenen Schülern führen. Das Ziel müssen Kinder sein, die gerne lernen. Kinder, die darüber jammern, dass sie in die Schule müssen, sind in Österreich so selbstverständlich, dass so eine Vorstellung als völlig naiv gilt. Die PISA-Katastrophe ist, wie jede Krise, eine Chance für grundlegende Änderungen im Bildungssystem. Jetzt brauchen wir nur eine Regierung, die sie auch umsetzt.

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