TIROLER TAGESZEITUNG "Leitartikel" vom 8. Dezember 2010 von Wolfgang Sablatnig "Für die Schule ist es schon fünf nach zwölf"

Reformen im Schulsystem wirken sich erst nach Jahren positiv aus. Für ideologische Debatten bleibt daher keine Zeit mehr.

Innsbruck (OTS) - Günter Haider, der Österreich-Leiter der internationalen PISA-Studie, ist nicht zu beneiden, hat er doch nur schlechte Nachrichten zu verkünden. Gestern, bei der Präsentation der aktuellen PISA-Studie, ist ihm nicht ein positiver Aspekt zu Österreichs Abschneiden eingefallen. Im Gegenteil, bei PISA 2012 ist eine ähnliche Ohrfeige zu befürchten. Denn die Grundlagen für das Lesen werden in der Volksschule gelegt. Und aus der sind jene Schülerinnen und Schüler, die zum nächsten PISA-Test antreten sollen, schon heraus. Selbst für PISA 2015 sind nicht mehr viele Korrekturen möglich.
Düstere Aussichten. Und was macht die Bundesregierung? SPÖ und ÖVP spitzen wieder alles auf das Thema Gesamtschule der 10- bis 14-Jährigen zu. Die Zeit für diese ideologische Endlosdebatte ist aber abgelaufen. Gefragt sind kurzfristige Eingriffe, um jenen, die schon in der Schule sind, doch noch bestmögliche Förderung zukommen zu lassen. Unterrichtsministerin Claudia Schmied wünscht sich dafür 30 Millionen Euro pro Jahr.
Im Vergleich zum Patt in Sachen Gesamtschule ist diese Erste Hilfe aber die leichtere Übung. Die SPÖ hat viele Experten innerhalb und außerhalb Österreichs auf ihrer Seite, wenn sie fordert, die Kinder nicht schon mit zehn Jahren in verschiedene Schulen zu schicken. Ebenso beharrlich bleibt aber die ÖVP bei ihrem Dogma der Wahlfreiheit - und wird das auch mit ihrem neuen Bildungskonzept tun, das sie im Jänner vorlegen will. Auch das ist eine Realität, ob sie gefällt oder nicht.
Große Schritte sind da nicht in Sicht, zu groß ist die Angst, das Gesicht zu verlieren. Die Leidtragenden sind aber die Jugendlichen, denen grundlegende Fertigkeiten für Beruf und Alltag fehlen. Daran sollten Werner Faymann und Josef Pröll denken, wenn sie ihre Blockade fortsetzen.

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